

Feministisches Stück in Stuttgart. Ein neugegründetes Frauenkollektiv geht dem vernachlässigten „Faust“-Stoff auf den Grund – jetzt auch im Studio-Theater
von Roland Müller, 17.06.2026
Foto: Studio Theater
Man muss keine feministische Brille aufsetzen, um die entsetzliche Lücke in Goethes „Faust“ zu sehen. Für den Titelhelden, der sich auf Sinnsuche begibt und erfahren will, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, interessiert sich der Dichter sehr.
Wofür er sich kaum interessiert, ist die Frau, die dem Streben des gelehrten Mannes vorübergehend einen Sinn zu geben vermag: Gretchen. „Meine Ruh ist hin / Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer / und nimmermehr“, sinniert die Verliebte, die noch ein Mädchen ist und die von Faust, der bald zum Greis wird, um den Verstand gebracht wird. Nach der Verführung aber haben es Goethe und Faust eilig. Ein paar Szenen nur – und Gretchen ist erledigt. Als Dramenfigur und als Mensch: Geschwängert und sitzen gelassen tötet sie das Neugeborene, landet im Kerker, verfällt dem Wahn und stirbt. Eine Hauruck-Vernichtung. Und Faust? Dem spendiert Goethe noch Teil zwei der Tragödie.
Mit Geige, Gesang, Klavier und elektronischer Klangkunst
„Faust ist ein Arschloch“ hieß es vor zehn Jahren bei Frank Castorf, als er dem Klassiker aller Klassiker an der Berliner Volksbühne einen langen kurzen Prozess machte. Auch wenn sie gegen dieses harsche Urteil nichts einzuwenden hat, ist es Annika Spegg und ihrem neugegründeten Kollektiv doch wichtig, sich von der Fixierung auf Goethes Titelfigur zu lösen. „Die Selbstfindungsreise des Mannes, die Gelehrtentragödie, ist oft genug erzählt worden“, sagt Spegg, „uns interessiert, was dahinter verschwindet: die Geschichte von Gretchen, die nur lückenhaft dargestellt wird, obwohl sie gewichtiger ist als Fausts Sinnkrise. Gretchen verliert ihre soziale Stellung und sogar ihr Leben.“ Es ist diese „skandalös unterbelichtete“ Gretchentragödie, mit der die vier Künstlerinnen nun im Stuttgarter Studio-Theater gastieren. „Faust. Margarete // Gretchen wants a full story“ lautet der umständliche, aber zutreffende Titel der Performance.
Gretchens „ganze Geschichte“ also. Das heißt: Wie wurde ihre Tragödie in der Zeit nach Goethe bearbeitet? Und warum wurden ihre Erfahrungen, die sehr körperlich waren – Schwangerschaft, Geburt, Tod des Kindes – dabei ausgespart, vor allem in der romantischen Musik? Denn das bietet der vielversprechende Abend neben Schauspiel- und Sprechkunst eben auch: klassische Musik, vorgetragen vom Quartett der Frauen, die allesamt an Musikhochschulen studiert haben und ihre Gretchen-Erkundung deshalb als „feministisches Kammermusiktheater“ bezeichnen – mit Geige, Gesang, Klavier und elektronischer Klangkunst.
Passt perfekt ins Programm
Uraufgeführt wurde „Gretchen wants a full story“ Ende Mai in einem freien Theater in Leipzig. Dort wurde die Truppe der Musik-Performerinnen, die alle um die dreißig sind, auch gegründet. Dass sie jetzt auf ihrer zweiten Station im Studio-Theater gastieren, hängt mit der Gründerin des Kollektivs zusammen. Annika Spegg wurde nicht nur in Stuttgart geboren, sondern hat hier auch Geige studiert, zudem Germanistik und Philosophie in Freiburg und Dramaturgie in Leipzig. Interdisziplinär ausgebildet bringt sie alle Voraussetzungen mit, um dem Gretchen-Stoff in Theorie und Praxis auf den Grund zu gehen.
Dass sie’s mit ihren Genossinnen auf strikt feministische Weise tut, passt natürlich perfekt ins Programm der seit zwei Jahren im Studio-Theater amtierenden Intendantin. Von Anfang an hat Daniela Urban konsequent Frauenthemen auf die Bühne gebracht und damit eine Nische besetzt, die in der Theaterstadt Stuttgart offensichtlich noch frei war. Ihr Laden brummt.
Faust. Margarete // Gretchen wants a full story
Aufführungen am 25., 26. und 27. Juni. Im Anschluss an die letzte Vorstellung findet auch das Sommerfest des Studio-Theaters statt.
Im Studio-Theater hat das Stück „Die Wut, die bleibt“ nach dem Roman von Mareike Fallwickl erfolgreich Premiere gefeiert.
von Petra Mostbacher-Dix, 30.01.2026
Die Körper? Aufrecht. Die Augen? Fokussiert. Die Stimmen? Laut. „Was einer von uns geschieht, geschieht uns allen“, deklamieren Sunny, Femme, Lola und Alva. Die Mädchengang, die da auf der Bühne des Stuttgarter Studio-Theaters wie ein Standbild steht, ganz in schwarz, Hoodykapuzen tief gezogen, ist zu allem bereit. Nacht für Nacht schreiten die vier 15- bis 18-Jährigen zur Tat, verprügeln Vergewaltiger und Brutalos, ritzen „K“ in deren Haut. „Karma is a bitch“: Nun sollen die Täter das erleben, was sie Frauen angetan haben.

Diese vier Frauen schlagen zurück: Szene aus „Die Wut, die bleibt“
Das System will es so
„Reden reicht nicht!“ Lola erklärt das Sarah. Sie war die beste Freundin ihrer Mutter Helene – bevor Helene wortlos die Balkontür öffnete und sprang. Scheinbar anlasslos, nachdem ihr Mann Roland beim Abendessen nach dem üblichen Tag mit chaotischer Wohnung und quengelnden Kindern wissen will: „Haben wir kein Salz?“
Der Sprung vom Balkon lässt alle schockiert zurück
Mit dem Sprung in den Tod, der Mann, drei Kinder und Freundin schockiert zurück und das Gefüge erdrutschartig erodieren lässt, beginnt „Die Wut, die bleibt“. Das Stück nach dem Roman von Mareike Fallwickl ist weit mehr als die Anatomie eines Falls von Selbstmord oder Analyse der Nation, es geht um gleiches Recht für 50 Prozent der Bevölkerung. Frauen sind es, die vor allem die Kinder betreuen, Familienmitglieder pflegen, den Haushalt versorgen. Studien zeigen, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich 43,4 Prozent mehr Zeit für Care-Arbeit aufwenden als Männer. Nicht, weil das Letztere nicht könnten oder wollten, sondern weil das System so konstruiert ist: So lange Männer 17 Prozent mehr verdienen, bessere Karrierechancen als ihre Partnerinnen haben, so lange bleiben die Frauen zuhause bei den Kindern oder tappen in die Teilzeitfalle.
Frauen bleiben unsichtbar
Nach wie vor gilt der „Referenzmann“ als Standard: 1,77 Meter groß und 70 bis 80 Kilogramm schwer. Dessen Daten fließen in Medizin, Produkte und mehr ein. Frau ist dagegen eine „Datenlücke“. Dieser „Gender Data Gap“ wird nicht im Stück explizit erwähnt. Deutlich wird aber, wie seit Jahrhunderten gedacht – oder besser nicht gedacht wird: „Mensch“ meint Mann als Norm; Frauen bleiben unsichtbar, das wirkt auf Gesellschaft, Arbeitswelt und Politik.

Szene aus „Die Wut, die bleibt“ Foto: Studio-Theater
Das erkennt auch Lola, insbesondere als Sarah auf Wunsch des überforderten Vaters hilft – und sich ausnutzen lässt. Dabei hat sie als erfolgreiche Krimiautorin mit Partner Leon einen anderen Lebensentwurf gewählt. Während sich bei Sarah die Wut auf Helene in Verständnis für die Überforderung wandelt, lernt Skatergirl Lola boxen und bekämpft Rollenbilder und Beautywahn – „Fuck the Schönheitsbild“.
Zugespitzte Dialoge, reduzierte Bühne
All das spielen Elena Widmann als Lola sowie Anna Angelini, Stephanie Biesolt und Alessandra Bosch mit einer Intensität, die Gänsehaut erzeugt. Regisseurin Lisa Wildmann und Dramaturgin Daniela Urban verstehen es, die Dialoge zuzuspitzen, während der Bühnenbildner Klaus-Peter Platten eine raffiniert reduzierte, multifunktionale Szenerie liefert. Das Ensemble bekam zu Recht viel Applaus – aktueller könnte das Thema nicht sein.
von Verena Großkreutz, Datum: 04.02.2026
Mit ihrem Roman "Die Wut, die bleibt" landete die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl 2022 einen feministischen Bestseller. Seine Aktualität und seine lakonische Sprache machen ihn fürs Theater interessant. Jetzt hatte am Stuttgarter Studio Theater eine neue Bühnenfassung Premiere.

Im November 2024 gab es in der österreichischen Landespolitik einen bemerkenswerten Rücktritt: Der 41-jährige oberösterreichische SPÖ-Landesvorsitzende Michael Lindner zog sich aus der Politik zurück, weil ein Buch ihn zum Nachdenken über seine Vaterrolle gebracht hatte. Lindner verstand seinen Schritt auch als Signal: "Einerseits an die Politik, bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie an die eigene Vorbildwirkung zu denken", und andererseits an die Männer. Diese sollten sich als Väter die Aufgaben mit den Müttern teilen und nicht die ganze Care-Arbeit auf sie abladen, so Lindner gegenüber dem "Standard".
Beim besagten Buch handelt es sich um den feministischen, 2022 veröffentlichten Roman "Die Wut, die bleibt" der österreichischen Schriftstellerin Mareike Fallwickl. Er beginnt mit dem Suizid Helenes, einer Mutter dreier Kinder, die depressiv, überfordert, chronisch erschöpft vom Familienalltag sich während des familiären Abendessens vom Balkon in den Tod stürzt. Auslöser dafür ist ein Spruch ihres Mannes. Statt selbst aufzustehen und nachzuschauen, wirft er die Frage in den Raum: "Haben wir noch Salz?" Dieser passiv-aggressive Appell an seine Frau wirkt wie der berühmte Tropfen, der Fässer zum Überlaufen bringt.
Das Buch wurde zum Bestseller. Kein Wunder, pflegt die Autorin doch eine leicht zugängliche Sprache, die die Grundanliegen des Feminismus sehr direkt und treffend zu vermitteln vermag: lakonisch, gut getaktet, schmucklos, gespickt mit lebensnaher Derbheit. Eine Sprache, die sich sehr gut eignet für die Bühne. Und so erlebte der Roman schon ein Jahr nach seinem Erscheinen bei den Salzburger Festspielen seine Uraufführung. Jetzt kann man den Roman auch am Stuttgarter Studio Theater erleben. Die Regisseurin Lisa Wildmann verantwortet neben der Dramaturgin Daniela Urban auch die Spielfassung: eine angemessen gekürzte und verdichtete Bearbeitung, die die Spannungskurve straff hält.

Der Roman und seine Bearbeitung thematisieren pädagogisch wertvoll und dezidiert, was in der öffentlichen Debatte nach wie vor kaum eine Rolle spielt (und sich in den Corona-Lockdowns nochmals extrem verschärft hat): die von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit in Sachen Familie, Haushalt, Kinder. Es geht um drei Frauen: Helene, die den Druck zwischen schlecht bezahltem Teilzeit-Bürojob und kotzendem Kleinkinderchaos nicht mehr aushält und sich umbringt. Ihre pubertäre Tochter Lola, die nach dem Suizid ihrer Mutter nach Ventilen für ihre Wut auf das patriarchale System sucht und sie findet. Und Sarah, Helenes beste Freundin (wie sie um die 40 Jahre alt), die nolens volens in die Rolle der Ersatzmutter und unbezahlten Haushaltshilfe hineinrutscht. Für Helenes Witwer bleibt derweil alles beim Alten: Er geht arbeiten, entzieht sich komplett der Verantwortung für die Kinder, die nun Sarah versorgt. Sie, selbstständig und eine erfolgreiche Krimiautorin mit eigenem Haus, gerät in dieselbe Care-Arbeitsfalle wie Helene.
Der Mann ist das "vierte Kind mit Bart"
Wildmann setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die Mittel des Theaters, und das macht den Abend so stark. Das Bühnenbild von Klaus-Peter Platten ist abstrakt-pragmatisch: rechts und links durch Wände gerahmt, hinten drei Ausgänge, in der Mitte ein Laufsteg, der auch als Tisch benutzt wird, ein paar Sitzwürfel, wenig Requisiten. Brauchte Salzburg acht Darsteller:innen, so gelingt es dem Studio Theater, die Geschichte plausibel mit vier Frauen zu erzählen. Das junge Quartett stürzt sich spielwütig ins Geschehen, switcht zwischen den Rollen, die Männer gekonnt comedyhaft überzeichnend, ohne das Thema lächerlich zu machen, vielmehr dadurch zuspitzend: den schluffigen, konfliktscheuen Anzugträger Johannes (Alessandra Bosch), den Helene mal als ihr "viertes Kind mit Bart" bezeichnet hat, genauso wie den sportiv mit Hanteln hantierenden Leon, der sich um die Bedürfnisse seiner Partnerin Sarah einen feuchten Dreck schert, ihr lieber ständig den Hintern tätschelt, es als Heldentat ansieht, wenn er mal für sie kocht. Anna Angelini (Leon) und Stephanie Biesolt (Sarah) bringen eine bewundernswert gelenkige Küchentisch-Kopulation auf die Bühne. Viel Romantext wird performt, die Szenenfolge ist perfekt getaktet, die Übergänge zwischen Erzählung und Dialogen fluffig. Keine Sekunde Länge.

"Die Wut, die bleibt" bleibt aber nicht bei der Darstellung von Missständen stehen. Fallwickl will ja zum Widerstand aufrütteln, gegen das Patriarchat, das auf weiblicher Dauer-Verfügbarkeit und Aufopferung aufbaut. Mit Lola, Helenes 15-jähriger Tochter aus einer früheren Liaison, steht eine Generation im Zentrum, die vom bloßen Reden die Schnauze voll hat. Elena Wildmann spielt sie einfühlsam mit dünner Haut und emotional kurzer Lunte: Lola, die zwischen Trauerarbeit und pubertärer Selbstfindung, zwischen Wut und Verzweiflung über den Tod der Mutter Stück für Stück ihren Weg findet. Erst richtet sie die Wut gegen sich selbst, knallt ihren Kopf auf Tischplatten und gegen Wände. Dann beginnt der Denkprozess: Warum fand ihre Mutter keinen anderen Weg, als sich selbst zu töten?
Lola setzt sich zur Wehr gegen Rollenzuschreibungen, begreift, dass das System Frauen im Stich lässt, auch weil Männer nach wie vor mehr verdienen. Ihr Weg ist speziell, dürfte aber fürs weibliche Publikum eine enorm kathartische Wirkung haben. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Sunny schließt sie sich einer Girl-Gang an, die sexuell übergriffigen Machos, Vergewaltigern und des Missbrauchs beschuldigten Lehrern auflauert und diese brutal verprügelt – in schwarzen Hoodies (Kostüme: Bettina Marx) und zu Nina Chubas “Rage Girl”. Die Gang ist überzeugt: Gegen männliche Gewalt hilft nur Gegengewalt. Die solidarische Kraft zwischen den vier Teenagerinnen entlädt sich in diversen wirkungsvollen Choreografien (von Anna Angelini). Etwa, wenn alle vier, den Körper in Angriffshaltung, dem Publikum frontal auf die Pelle rückt: böser Blick nach vorn, die Fäuste zum Tschack-Tschack erhoben. Skandierend: "Was einer von uns geschieht, geschieht uns allen!"

Weil Lola aber nicht nur zuschlägt, sondern auch mit Argumenten auftrumpfen kann, schafft sie es am Ende, auch die ältere Sarah zum Umdenken zu animieren. Die entzieht sich endlich ihrer vermeintlichen Kümmerpflicht, schmeißt ihren Lebensabschnittsgefährten aus dem Haus und wechselt sogar ihr Schreibsujet. Denn Psychokrimis, so Lola, beförderten die Normalisierung von Femiziden.
"Die Wut, die bleibt" springt an diesem Abend schnell über aufs Publikum. Jede:r weiß ja, dass die Fakten stimmen, die dort auf der Bühne diskutiert werden. Unzählige Statistiken unterstreichen das. Braucht es wirklich Gewalt, um die für Frauen so prekären Zustände endlich zu ändern? Lassen sich Care-Arbeitsteilung, gleiche Löhne und gleichberechtigte Partnerschaften nicht auch anders erreichen? Ein prima Diskussionsstoff – auch für Schulklassen.
Psychokrimi um Macht und Missbrauch an Schulen
Von Martin Mezger|Datum: 01.04.2026
Maya Fanke inszeniert Marius von Mayenburgs "Ellen Babić" im Stuttgarter Studio-Theater – ein Stück über Macht und Missbrauch des Missbrauchs im pädagogischen Mikrokosmos.

Englischlehrerin Astrid (Schirin Brendel, links) mit ihrer sehr viel jüngeren Lebensgefährtin Klara (Esrah Ugurlu). Fotos: Stephan Haase
Keine Käsefüße, kein Achselschweiß, kein Deo. Brauche er nicht, sagt Gymnasialrektor Wolfram Balderkamp. Sein Körper sei vollkommen geruchsneutral. Ob sie mal riechen wolle?, meint er zu Lehrerin Astrid und hebt den Arm. Sie will nicht. Die beiden sind allein.
Nur eine Peinlichkeit des Chefs gegenüber der Englischlehrerin aus dem eigenen Kollegium? Von wegen. Der Rektor ohne Körpergeruch hat eine andere strenge Ausdünstung: Er stinkt nach sexualisierter Macht. Seinen Körper drängt er gezielt als demütigende Machtdemonstration auf. Exhibitionismus, aber unterhalb der Strafrechtsschwelle. Weil solcher Körpereinsatz kein Corpus Delicti ist. Sondern jederzeit als Ungeschick der Umgangsformen ausgegeben werden kann.
Marius von Mayenburgs Drei-Personen-Stück "Ellen Babić" legt die begehrlichen und begehrten Körper in wortreiche Sprachketten. Dadurch wird die Macht zurückverwiesen an die Sprache als Kampfzone, wo die Ketten gesprengt oder geschlossen werden. Dia- und trialogisierend entwickelt der exzellente Bühnentext enorme theatralische Wirkung in Maya Fankes Inszenierung im Stuttgarter Studio-Theater.
Der Chef ist der Chef im Ring: Souverän beherrscht Rektor Balderkamp wie eine lauernd-hinterhältige Spinne im Sprachnetz die Strategie bloßstellender Sprechakte. Überall legt er verbale Fallstricke aus, jedes Wort ein Kreuzverhör, jede Frage ein Verhängnis mit Netz und doppeltem Boden, jede Antwort eine Verwicklung in stammelnde Ausreden.
Glatzkopf wie eine Abrissbirne, stechender Blick, inquisitorische Autorität, herausfordernde Distanzlosigkeit: Burkhard Wolf gibt dem Horror-Pädagogen eindringliche Gestalt, spielt überragend und keineswegs eindimensional. Präzise Gestik und Mimik, eine Fassade wie einstudiert und gerade deshalb glaubwürdig. Als Kontrapunkte Registerwechsel ins Sensible: wenn er mutiert zum Musensohn, zwar ins Rektorat befördert, aber am liebsten auf der Orgel oder dem zart zirpenden Cembalo spielend; oder den solidarischen Schutzpatron gibt, der sich wie ein Fels vor sein Kollegium und namentlich vor Astrid stellt. Dass er selbst die Drohkulissen aufbaut, bevor er Schirm und Mantel ausbreitet, gehört zu seiner unverhohlenen Logik. Astrid ist lesbisch. Immer noch ein wunder Punkt hinter allen "Kein Problem"-Floskeln. Nicht zuletzt für Astrid selbst. Der Chef wittert Schwäche – und seine Chance.
Hat sie mit Ellen oder hat sie nicht?
Doch erst einmal streiten sich Astrid und ihre Lebensgefährtin Klara, früher ihre Schülerin, ob er tatsächlich so ein "Arschloch" ist, der Balderkamp. Astrid hat "den Wolfram" eingeladen. Rein privat, also aus Angst vor beruflichem Ungemach. Die übliche Crux mit Kollegenkontakten – "ganz normal", sagt sie. Dass sie selbst nicht ganz normal sei, bekommt sie alsbald von ihrem Gast serviert.
Klara ist empört über die Einladung des Mannes, unter dessen regem Interesse für Schülerinnen ab der Pubertät sie als Gymnasiastin zu leiden hatte. Wolfram in Realpräsenz ist dann allerdings auch ein Katalysator für Rivalitäten unter den beiden Frauen. Ihre Lügengeschichten nutzt er prompt zu Attacke und Anklageerhebung: Selbstverständlich hat er sofort erkannt, wer Klara ist. Seine ehemalige Schülerin. Und die Astrids. Passt wunderbar ins Konzept. Dann bringt er die Titelfigur ins Spiel, die im Stück nie auftritt und doch Dreh- und Angelpunkt ist: ein dramaturgischer Kniff, der aus einem Fragezeichen einen Hebel macht. Ausgehebelt wird: die Liebesbeziehung von Klara und Astrid.
Ellen Babić, eine Zehntklässlerin, betrunken und kotzend auf der Klassenfahrt nach Trier: Astrid musste das Mädchen in Obhut nehmen. Ob sie sie auch mit zu sich ins Bett genommen hat, ist jenes Fragezeichen, aus dem Kollege Wolfram (und angeblich auch der Vater Ellens) ein fettes Ausrufezeichen bar jeglicher Unschuldsvermutung machen. Der Rektor redet, gespickt mit homo- wie xenophoben Ressentiments, von "Muster" und "Beuteschema", erklärt Astrid zur pädophilen Täterin und Klara zu ihrem Opfer ("Dieser Frau, dieser Frau geht's nicht um dich. Ihr ging's um deine Jugend"). Klara droht er mit dem Beziehungsende ("Sie schaut sich nach was anderem um, nach einer Jüngeren"), Astrid mit dem Staatsanwalt.
Ist der Missbrauch Fakt oder Finte? Für die Finte sprechen die Vorverurteilung und die Passgenauigkeit der Vorwürfe. Klara und Astrid sind sich tatsächlich einst auf der Klassenfahrt in Trier näher gekommen. Kann man gut ein Wiederholungsmuster suggerieren. Und das verfehlt seine Wirkung nicht. Für Klara tut sich ein Abgrund an Beziehungs- und Lebenslüge auf. Sie wird die Nacht bei einer Freundin verbringen.
Er spielt seine Macht aus, weil er es kann
Mit ein paar unschuldigen Klaviertönen signalisiert Fankes Inszenierung gleich zu Anfang ein zweites Fragezeichen: Was treibt den musischen Wolfram, nach allen Regeln der Kunst auf der Klaviatur vernichtender Macht zu spielen? Eitelkeit? Konkurrenzneid auf die fachlich exzellente, bei den Schülern äußerst beliebte Kollegin? Seine sexuelle Frustration? Rache für gekränkte Leidenschaft? So inszeniert er sich zu guter Letzt selbst, aber seine Stunde der wahren Empfindung ist keine, sondern eine weitere Waffe. Ebenso die Karrierehoffnungen, die er Astrid vorgaukelt, um die Fallhöhe von der Musterpädagogin zur Sexualstraftäterin zu vergrößern – und um sie gegenüber Klara als Opportunistin zu kompromittieren. Es sind Giftköder, die er austeilt, sobald der Holzhammer nicht mehr trifft, nämlich seine demonstrativ sexualisierende Unverschämtheit. Etwa wenn die gelernte Schreinerin Klara im Jargon ihres Metiers von "Schlitz und Zapfen" redet. Da führt er sich auf wie ein pubertärer Rotzbengel.

Die Vorwärtsverteidigung des wahren Täters (Burkhard Wolf als Rektor Balderkamp, Mitte) hat Erfolg – zumindest vorerst.
Gegen all das kommen Astrid und Klara nicht an mit ihrer emotionalen Aufrichtigkeit, die Wolframs Tricks bei ihnen triggern. Dass sich Astrid zur Gegenfinte verleiten lässt – angeblich hat sie seine Übergriffigkeiten protokolliert, in Wahrheit existieren die Protokolle nicht –, belegt ihre Ratlosigkeit vor der Kapitulation.
Es ist die Kapitulation vor einer sadistischen Macht, die keine weiteren Motive braucht. Der Bock macht sich zum Gärtner, indem er ein Exempel an Missbrauch des Missbrauchs statuiert. Der falsche Verdacht ist die Vorwärtsverteidigung der wahren Täter. Er lenkt ab von ihren Schandtaten und den Zweifel auch auf die zweifelsfreien Fälle. Damit sexuelle Übergriffe samt sexueller Diskriminierung wieder wie beabsichtigt unterm Radar durchsegeln können.
In Maya Fankes Regie trägt ein realistisches, zugleich sinnfällig choreografiertes Körper-Sprach-Spiel die Botschaft. Schirin Brendel als Astrid zeigt eine durch Kompromisse, Versteckspiele, offene und verdeckte Anfeindungen gezeichnete Veteranin des Kampfs um Selbstbestimmung, deren widerständige Lebenslust trotz allem nicht erloschen ist. Esrah Ugurlu als Klara verkörpert das Coming Out als Reifeprozess: Eingeständnis der Homosexualität, Pubertätskrise am Rand des Suizids, energische Überwindung im Bekenntnis zur eigenen sexuellen Orientierung – und in der Beziehung zu Astrid. Dass sie Wolfram am Ende eine Flasche Wein in den Schoß leert, genau aufs männliche Zentralorgan, als hätte er sich eingeseicht, gibt symbolhandelnd die Demütigung zurück, die sie durch ihn erlitten hat. Und wenn sie fortgeht, weg von Astrid, ist das wie bei Ibsens "Nora" entschiedener Ausdruck ihrer erkämpften Identität, die sie sich nicht mehr nehmen lässt.
Das Darstellertrio trägt Alltagsklamotten, mit denen Ausstatterin Ágnes Hamvas einen trefflich charakteristischen Dress-Code formuliert. Die Bühne im rechten Winkel der beiden Zuschauerräume hat sie bestückt mit Bücherstapel und Rundhockern: schlicht, aber angemessen für dieses Sprechtheater berstender Binnenhochspannung.
Das feministische Theaterkollektiv Silent Ladies feiert mit dem Audiowalk „Walking _again in FEAR“ Premiere.
Mit performativen Elementen thematisiert es dabei die Auseinandersetzung mit geschlechtsbasierter Gewalt im öffentlichen Raum.
„Walking _again in FEAR“: Gewalt gegen Frauen im Stadtraum hörbar machen

Achtung!
Dieser Beitrag thematisiert Gewalt gegen Frauen, sexualisierte Gewalt und Femizide.
Sollten Sie selbst betroffen sein, biette das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen kostenlose Unterstützung: Unter der Telefonnummer 116 016 können sie an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr eine kostenfreie Hilfe und Unterstützung erhalten – vertraulich, anonym, mehrsprachig und barrierefrei.
Dämmerung, eine Gruppe bewegt sich schweigend durch Stuttgart. Kopfhörer auf den Köpfen, Schritte im Gleichklang, Stadtgeräusche im Ohr. An einer Station sitzen vier Performerinnen dem Publikum gegenüber. Erst mit geschlossenen, dann mit gespreizten Beinen.
Ein späterer Moment zeigt die gleichen Körper mit männlichen Masken. Die Gesten verschieben den Blick: der öffentliche Raum wird zum Erfahrungsraum von Macht, Verletzbarkeit und Widerstand. Die Texte beruhen auf realen Erfahrungen der Performerinnen.

Manspreading: breitbeinig auf der Bank und in der U-Bahn. Eine kleine Geste, die Anderen großen Platz wegnimmt. In Madrid wurde es in öffentlichen Bussen nun verboten.
Hinschauen, benennen, Verantwortung einfordern
„Walking _again in FEAR“ ist ein rund einstündiger Audiowalk mit Live-Performances. Die Besucherinnen und Besucher hören Stimmen, Klänge, Fakten und Erfahrungsberichte und treffen an mehreren Orten auf die Performerinnen.
Das Projekt versteht sich ausdrücklich nicht nur als Kunst, sondern als gesellschaftlicher Appell: hinschauen, benennen, Verantwortung einfordern. Es sind patriarchale Strukturen, die unsere Gesellschaft toxisch werden lassen.
"Wir wollen, dass sich Menschen das reinziehen und reflektieren, die das Privileg haben, sich frei zu bewegen. Nicht Frauen sollen ihren Alltag einschränken. Die Frage muss lauten: Warum passiert das, warum machen Männer sowas?"
Dawn Robinson & Luise Leschik, Organisator*innen
Machtunverhältnisse gefährden das Leben vieler FLINTA-Personen: Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nonbinäre sowie Trans und Agender Personen. Laut Veranstalter*innen erlebt alle vier Minuten eine Frau oder weiblich gelesene Person in Deutschland Gewalt durch den (Ex-)Partner.

Audiowalk durch Stuttgart: Teilnehmende begehen öffentliche Orte und erleben die Geschichten dort, wo sie spielen.
Die Gefahr lauert meist im nahen persönlichen Umfeld
Die Performance widerspricht einem gängigen Vorurteil: Gewalt geschieht selten durch den unbekannten Täter im Dunkeln, sondern häufig im Nahfeld durch vertraute Personen. Verharmlosende Begriffe wie „Beziehungstat“ oder „Eifersuchtsdrama“ werden problematisiert, die strukturelle Dimension rückt ins Zentrum.
Beziehungstat, Eifersuchtsdrama, aus Liebe töten… Können wir es nicht als das bezeichnen, was es ist: Femizid, Femizid.
Stimme aus dem Audiowalk
73 Prozent der Betroffenen sind Frauen
Das BKA registrierte im letzten Jahr fast 257.000 Betroffene häuslicher Gewalt, so viele wie nie seit Beginn der Erfassung. Statistisch wird damit etwa alle zwei Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt durch Partner*in, Ex-Partner*in oder nahe Angehörige. Rund 73 Prozent der Betroffenen sind Frauen.
Insgesamt stieg häusliche Gewalt in fünf Jahren um fast 14 Prozent. Fachleute rechnen mit einer hohen Dunkelziffer. Femizid ist kein eigener Straftatbestand; Tötungen an Frauen werden meist als Delikte im sozialen Nahraum erfasst.

v.l.n.r.: Luise Leschik (Gründerin des Theaterlabels Silent Ladies) und die Darstellerinnen Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma.
Sicherheitslage im öffentlichen Raum in Baden-Württemberg
Laut dem Magazin für Städte und Gemeinden, einem Organ des Gemeindetags, weist Baden-Württemberg knapp 5.000 Straftaten je 100.000 Einwohner aus. Das ist der zweitniedrigste Wert in 20 Jahren. Die Aufklärungsquote liegt bei 61,2 Prozent und ist gegenüber der vorherigen Erhebungen gestiegen.
20 Teilnehmende trafen sich im Innenhof des lauschigen Hinterhofs, in dem seit über 50 Jahren das Studio Theater Stuttgart beheimatet ist. Es ist der Startpunkt des Audiowalks.
Diese Gesamtkennzahlen stehen den Befunden zu häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt gegenüber, die überwiegend im privaten Umfeld stattfindet und oft untererfasst bleibt.
Das Projekt markiert genau diesen Spannungsbogen zwischen objektiv hoher Sicherheit im öffentlichen Raum und Einschränkungen, die viele Frauen dennoch erleben.
Gewalt an Frauen sichtbar zu machen und ihr den Kampf anzusagen, das haben sich die Silent Ladies mit ihrem neuen Stück vorgenommen.

Das Stuttgarter Kollektiv Silent Ladies zeigt mit einem Audiowalk die vielen unsichtbaren Facetten von Gewalt an Frauen. Wie und warum werden Männer gewalttätig gegenüber Frauen?
Dass die Silent Ladies gar nicht so silent sind, wie sie sich nennen, haben Luise Leschik und Dawn P. Robinson, die hinter dem zweiköpfigen Theater-kollektiv aus Stuttgart stecken, schon oft genug bewiesen. Etwa vergangenes Jahr mit ihrem Stück „Nora: Breaking the dollhouse“ oder 2023 mit „I choose… No!“, in denen sie sich am Theaterhaus Stuttgart humoristisch und aus der feministischen Perspektive an den Themen Heirat und Nicht-Mutterschaft abgearbeitet haben. Nun steht ein neues Projekt „Walking again in fear“ in den Startlöchern, und wie zu erwarten, geht’s auch darin nicht um Eat, Pray, Love, sondern um Gewalt an Frauen und weiblich gelesenen Personen. „Wenn man seine feministische Arbeit ernst nimmt in allen Bereichen, dann ist das ein Thema, das unumgänglich ist“, sagt Leschik. „Es ist der Urkern des Patriarchats: die patriarchale Gewalt, die auf allen Ebenen wirkt, im privaten sowie im öffentlichen Raum – und die leider zunimmt.“„Alle vier Minuten erlebt eine Frau in Deutschland Gewalt durch den (Ex-)Partner“
„Walking _again in FEAR“, das am 11. September im Studio Theater Premiere feiert, ist ein Audiowalk, der mit performativen Interventionen gespickt ist und rund 60 bis 65 Minuten dauert.
Ausschlaggebend dafür, sich des Themas anzunehmen, ist für die beiden die zunehmende Gewalt an Frauen und der Umgang mit den steigenden Vorfällen gewesen. So begrüßen sie etwa das neu beschlossene Gewalthilfegesetz, doch es packe das Problem der patriarchalen Gewalt gegen Frauen und weiblich gelesene Personen nicht beim Schopfe. „Es ist ja schön, das unter anderem finanzielle Unterstützung für Frauenhäuser bereitgestellt wird, aber das Problem liegt ja eigentlich woanders“, betont Luise Leschik. Das Gesetz fällt wie auch schützende Gadgets alla Pfeffer- und Schlumpfspray unter die Kategorie Selbstschutz seitens der Frau. Die eigentliche Frage müsste aber sein: „Warum werden Männer gewalttätig? Und: Wie kommen wir dahin, dass es überhaupt nicht nötig wäre, ein solches Gewalthilfegesetz zu verabschieden“, regt Dawn P. Robinson an.

Dawn P. Robinson und Luise Leschik (von links, oben) stecken gemeinsam mit Tontechniker Vincent Wikström und den Darstellerinnen Mira Sanjana Sharma und Martina Gunkel hinter dem Audiowalk „Walking _again in FEAR“. Foto: Petra Xayaphoum
Die Dunkelziffer von Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erleben, ist groß. Dabei ist vor allem Gewalt, die nicht physisch ausgeübt wird,unsichtbar. „Gewalt wirkt auf so vielen Ebenen, es gibt nicht nur physische Gewalt. Viele Beziehungsmuster, die uns als romantisch verkauft wurden, sind gewaltvoll und wirken auf einer psychischen Ebene“, sagt Robinson. In ihrem Audiowalk, der mit Performances der Theatermacherinnen und zwei weiterer Darstellerinnen, Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma, unterbrochen wird, möchten sie dem Moment der Erkenntnis eine besondere Rolle zukommen lassen. „Psychische Gewalt ist für Betroffene oft schwer greifbar. Den Prozess der Realisierung – was ist mir da eigentlich passiert, welche Formen von Gewalt gibt es – haben wir insbesondere versucht, im Audiowalk zu adressieren.“
Unsichtbare Gewalt an Frauen sichtbar machen
Im Zuge der Recherche für „Walking again in fear“ haben sich die Silent Ladies mit verschiedenen Institutionen ausgetauscht, etwa der Frauenberatungs-stelle Stuttgart. „In Zuge dessen ist uns nochmal deutlich geworden, wie schwer es für Opfer ist, zu sagen ‚Ja, das ist nicht richtig, da muss ich jetzt raus‘, weil die privaten Strukturen so tief greifen“, berichtet Leschik. Stichwort: finanzielle Gewalt. „Wenn eine Frau finanziell und wirtschaftlich abhängig ist in einer Beziehung, ist es ein ganz schwerer Schritt, sich daraus zu entfernen“, klären die Stuttgarterinnen auf. Auch soziale Gewalt wird häufig unterschätzt. „Wenn man sich des Partners wegen schon komplett isoliert und den Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen hat, fragt man sich auch in erster Linie ‚Wo gehe ich dann jetzt hin?‘“Im Audiowalk, der sich rund ums Studio Theater in der Hohenheimer Straße bewegt, wird dabei sowohl Gewalt im öffentlichen als auch im privaten Raum behandelt. „Auch Rassismus ist ein Thema mit dem wir uns auseinandersetzen: Denn wenn es um Femizide geht, in denen der Täter nicht weiß ist, ist die Berichterstattung viel größer als die Berichterstattung bei weißen Tätern. Dabei passiert Gewalt an Frauen in allen Bevölkerungsgruppen und Schichten“, betonen Leschik und Robinson. Für die Geschichten, die im Walk erzählt werden, haben die beiden sozusagen aus ihrem eigenen Repertoire geschöpft. Sie fungieren als Stellvertretergeschichten im Programm, in denen sich wahrscheinlich die meisten weiblichen und weiblich gelesenen Personen im Publikum zu einem gewissen Grad wiederfinden. Außerdem wurden die 2024 vom Projekt „@femizidestoppen“ gesammelten Femizide und Feminizide verarbeitet.
Dass das nicht der heiterste Audiowalk ist und im Gegensatz zu ihren früheren Stücken mit keinem humoristischen Element versehen ist, ist Leschik und Robinson bewusst. Um dem Publikum dennoch die Chance zu geben, aus ihrem Projekt mit einem Empowerment-Moment herauszugehen, haben sie für den 13. September vormittags zusätzlich einen Selbstbehauptungsworkshop für Flinta*, also Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans und Agender Personen, organisiert. Anmelden kann man sich über ein Formular auf ihrer Homepage www.silentladies.de. Tickets für den Audiowalk kann man über die Seite des Studio Theaters erstehen.
Premiere am Studio Theater:
Das feministische Theaterensemble Silent Ladies hat einen ungewöhnlichen Stadtspaziergang organisiert.

Es ist die große Liebe, Honeymoon in seiner schönsten Form. Dann aber zieht das junge Paar zusammen – und nichts ist mehr, wie es war. Sie streiten und versöhnen sich wieder. Er findet Sex mit ihr plötzlich langweilig.Stattdessen wartet er, bis sie ins Bett geht und vergewaltigt sie dann mitten in der Nacht – „als ich voller Vertrauen neben ihm schlief“, wie die junge Frau bitter konstatiert. Sie beendete die Beziehung mit dem Mann – seine Gewalt wird aber weitergehen – und andere Frauen treffen.
Es ist kein schönes Thema, das die Theatergruppe Silent Ladies aufgegriffen hat für ein ungewöhnliches Projekt, das nun am Stuttgarter Studio Theater Premiere hatte. „Walking _again in FEAR“ nennt sich ein „Audiowalk“, also ein Spaziergang, bei dem das Publikum mit Kopfhörern auf den Ohren durch Stuttgart läuft und zunächst nebenher interessiert auf die vielen Häuser und in die Wohnungen in der Alexander- und Danneckerstraße schaut. Doch zunehmend schleicht sich die Gewissheit ein: Auch hinter diesen Fenstern, in den kleinen Hochhausappartements und in den luxuriösen Altbauten wird es hin und wieder zu Gewalt gegen Frauen kommen.
Von „Beziehungstat“ mag man nichts mehr hören
Die Liste der Fälle, die bei dem Audiowalk immer wieder eingestreut werden, ist lang, sehr lang. Laut Statistik wird jeden Tag eine Frau in Deutschland „aus Liebe“ ermordet. Oft sind es die Expartner, die die „Beziehungstat“ im „ehelichen Bereich“ begehen, wie es dann verharmlosend vermeldet wird. Es seien Männer, die die Trennung nicht verkraftet hätten, sagt eine Stimme durch den Kopfhörer und stellt die vermutlich wichtigste Frage in diesem Kontext: „Wie fragil ist diese Männlichkeit eigentlich, dass sie beim kleinsten Widerwort schon abgehen?“
Doch es geht nicht um die offenbar brüchige Identität mancher Männer bei diesem einstündigen Rundgang, sondern um das, was zwar irgendwie bekannt ist, aber trotzdem nicht ernsthaft angegangen wird: Strukturelle Gewalt gegen Frauen. Gerichte wie auch Polizisten, die oft unsensibel und nicht geschult seien, würden nach wie vor „patriarchale Mythen“ stützen, heißt es. Meist herrsche auch eher Solidarität mit den Männern, während die Opfer in der Beweis-pflicht sind. Frauen, die Gewalt und Übergriffe anzeigen, würden dagegen schnell als nicht zurechnungsfähig dargestellt, Mütter als überfordert erklärt.
Warum gibt es keine „Opfervermutung“?
Das wandelnde Publikum macht immer wieder Halt auf Plätzen oder in Grünanlagen, wo vier Darstellerinnen wortlos die körperliche Gewalt gestisch über-setzen. Zwei von ihnen, Luise Leschik und Dawn Patricia Robinson haben den Audiowalk auch konzipiert. In ihren knappen lila Höschen und den Turnschuhen könnten die beiden, Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma selbst Opfer werden in dem Park neben dem Spielplatz.
Immer wieder klingen Fragen an: Warum gilt für Täter die Unschuldsvermutung, aber gibt es keine „Opfervermutung“? Und was wäre, wenn Frauen militant würden und Männern Angst machten? „Die Scham muss die Seite wechseln“, heißt es. Und: „Wer sich nicht aktiv gegen diese Kultur einsetzt, wird zum Teil dieses Problems.“ So aber bleibt die junge Frau allein zurück, die auf einer Party zu viel getrunken hat und am nächsten Morgen in ihrem blutigen Bett aufwacht. Der vermeintliche Freund hat ihren Zustand ausgenutzt. Ist sie jetzt daran schuld?
Im Park wird es bedrohlich
Im Park stellen sich die vier Darstellerinnen den Zuschauern in den Weg. Sie haben jetzt Masken übergezogen und schauen aus wie Männer, die einem hier in der Sicherheit der Dämmerung alles antun könnten. Und plötzlich schleicht sich Angst ein. Vor allem schaut man Männer mit anderen Augen an und stellt jeden, der einem auf dem Rückweg begegnet, unter Generalverdacht, schließlich könnten sie alle vergewaltigen. Denn wie hieß es einmal? Oft seien die Täter Männer, „die eigentlich total nette Kerle sind.“
Vorstellungen am 25., 28. und 29. November 2025
(von Gabliele Metsker)
Thomas Manns „Mario und der Zauberer“ auf der Bühne

Foto Stephan Haase
Schon bevor Sebastian Schäfer in der Rolle als Familienvater Thomas Mann auf die Bühne kommt, spürt man, dass Unheil in der Luft liegt. Dabei sehen die nach hinten gestaffelten, naturfarbenen Vorhänge eigentlich ganz behaglich aus. Auch das Licht ist angenehm. Aber schon die ersten Sätze ziehen einen mitten hinein ins Geschehen: ins italienische Küstenstädtchen Torre de Venere, wo Thomas Mann mit Frau Katia und den Kindern den Sommerurlaub verbringt. Der Traum von „Bella Italia“ gerät jedoch nach und nach zum Alptraum. "Mario und der Zauberer“ heißt die Novelle von Thomas Mann, die Daniela Urban für die Bühne bearbeitet und im Studio Theater inszeniert hat. Der Geschichte liegen reale Erlebnisse zugrunde: Sie spielt in den 1920er Jahren, als in Italien der Faschismus heraufzieht. Italien, das ist hier nicht das unbeschwerte Land, in dem die Zitronen blühen. Es ist eine Nation, die Nicht-Italienern schnell feindselig gegenübersteht, was sich in Torre de Venere in verschiedenen Schikanen äußert, welche die Familie Mann erdulden muss. Der Aufenthalt gipfelt in einer ebenso faszinierenden wie schaurigen Zaubershow mit dramatischem Ausgang. Nur drei Darsteller (Sebastian Schäfer als Thomas Mann, Joachim Hall als Cavaliere Cipolla und Felix Jeiter als Mario und in weiteren Rollen) und eine Darstellerin (Galina Freund als Katia Mann und in weiteren Rollen) sorgen für das italienische Ambiente und die Vergegenwärtigung der verschiedenen Örtlichkeiten und Personen (Ausstattung Leah Lichtwitz). Das gelingt auf poetische Weise, indem die Vorhänge so verändert und drapiert werden, dass sie zur Hotellobby, zum Straßencafé, Strandplatz oder zur Theaterbühne werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei behutsam eingespielte oder selbst produzierte Geräusche sowie die Kunst des Schattenspiels. Da genügen dann nur ein oder zwei ausgewählte Accessoires, um die unterschiedlichen Personen oder Orte zu charakterisieren. Dass an vielen Stellen – vor allem von Felix Jeiter – im Original- Tonfall Italienisch gesprochen wird, trägt ebenfalls zur dichten Atmosphäre bei.
Gibt es anfangs immer wieder charmante Erlebnisse, welche die Familie trotz aller Unannehmlichkeiten zum Bleiben verleiten, gipfelt, was sich anfangs nur als unbestimmtes Unbehagen bemerkbar macht, in der unheimlichen Vorstellung des Hypnotiseurs Cipolla. Mit Unverschämtheit und Menschenverachtung gewinnt er die Aufmerksamkeit des Publikums, das sich ihm zunehmend bereitwillig unterwirft. Sich seinem Willen widersetzen wollen? Darüber kann der gruselige Maestro nur lachen. Und während die Kinder in ihrer Unschuld nicht wirklich durchschauen, was vor sich geht, verstehen die Erwachsenen nicht, warum sie all dem bis zum bitteren Ende beiwohnen. gab
(von Tim Schleider)
Das Stuttgarter Studio Theater bringt Thomas Manns Erzählung „Mario und der Zauberer“ auf die Bühne – es ist ja leider so aktuell wie lang nicht mehr.

Foto: Stephan Haase
Vor 150 Jahren wurde Thomas Mann geboren: Es ist bemerkenswert, vor allem aber bezeichnend für unsere aktuelle Lage, wie stark sich das Interesse im Jubiläumsjahr gerade auf die politische Haltung und Botschaft des Dichters konzentriert – auf den Verteidiger der Weimarer Republik in den 1920er-Jahren, auf den Exilanten in der Nazi-Zeit, der versucht, vom Ausland aus den Deutschen ins Gewissen zu reden. Jahrzehntelang galt Thomas Mann im Kontrast zu seinem Bruder Heinrich noch als der schöngeistige, verwagnerte Ästhet, der Homo Unpoliticus, der eher zufällig im Ausland landete. Diese Deutung war schon immer Unsinn; inzwischen liest man seine Romane, Briefe, seine Essays und Reden aus den 20er- und 30er-Jahren zum Glück genauer und weniger politisch voreingenommen.
Staunen kann man zum Beispiel immer nur aufs Neue über die Klarheit der Analyse, die Qualität der künstlerischen Verdichtung und die Bestimmtheit der politischen Aussage in seiner Novelle „Mario und der Zauberer“, 1930 veröffentlicht im Rückblick auf einen Sommerurlaub 1926 im damals ja bereits faschistisch regierten Italien. Es passt perfekt zur engagierten Haltung des Stuttgarter Studio Theaters, diese Geschichte auf ihre kleine, feine Bühne zu bringen – in einer natürlich eingedampften Textfassung der Ko-Intendantin Daniele Urban, die auch die Regie übernommen hat.
Sebastian Schäfer und Galina Freund als Thomas und Katia Mann berichten also von ihren beunruhigenden Erlebnissen im Hotel und am Strand, wo sie sich im Kleinen des Ferienalltags plötzlich den Auswirkungen nationalistischer Xenophobie im Großen der Politik ausgesetzt sehen. Und sie besuchen gemeinsam mit Felix Jeiter als Kellner Mario die Spätvorstellung des Zauberers Cipolla, dessen magische Qualitäten vor allem in perfider Suggestion bestehen: Was, so seine zentrale Frage, sei denn schon das kleine armselige persönliche Wollen angesichts der Kraft und Macht des Befehls?
Achim Hall hat als Cipolla einen starken Auftritt, kommt er doch im Gegensatz zu den hellen Tönen der sonstigen Kostüme und des Bühnenbilds (Leah Lichtwitz) ganz im italienischen Faschisten-Schwarz. Großartig gespielt ist die zentrale Szene der Hypnose, in der er Mario dazu bringt, in ihm, dem Verführer, die lang ersehnte Freundin zu sehen.
Insgesamt ist der gut einstündige Abend aber eher eckig als rund geraten. Die Übergänge zwischen den Szenen schleifen, vor allem fremdeln die Spieler immer mal wieder mit der gerade in dieser Novelle so bewusst distinguiert gehaltenen Sprache Manns; vieles wirkt da eher aufgesagt als authentisch berichtet. Die Botschaft sitzt aber in jedem Fall, der Gewinn für den Zuschauer ist klar, der Beifall darum herzlich.
(von Thomas Morawitzky)

Die Kneipe als Kulturgut: Oliver Köhler und Christopher Wittkopp Foto: Benjamin Wendel.
Oliver Köhler und Christopher Wittkopp feiern im Studio-Theater in Stuttgart die untergegangene Kultur der kleinen Kneipen und Spelunken – und vor allem einen speziellen Leckerbissen.
Da stehen sie, in Uniformen der Heilsarmee, und loben das Ei. Genauer: das Solei. Was ein Solei ist und wie es hergestellt wird, das erfährt das Publikum im Studio Theater, beim Kneipen-Theater-Abend „Von Thekenperlen und anderen Leckerbissen“, der nun Premiere feierte. Oliver Köhler und Christopher Wittkopp haben diesen ungemein skurrilen Abend zusammengestellt als eine Hommage an eine untergegangene Kultur – die der kleinen Kneipen und Spelunken, in denen sich einst alle Welt traf, ob nun Chefarzt oder Bauarbeiter, um dort ein frühes oder spätes Bier zu schlürfen.
Das Solei, nach Rezept von Oma Gerda, war ein wichtiger Bestandteil dieser Welt, durfte nicht fehlen im Hungerturm, der mehrstöckigen Vitrine, die, vornehmlich im Ruhrpott oder in Berlin, auf den Theken stand und Nahrungsmittel für Kneipengänger bereithielt. Gesetze, die den Verkauf von Speisen reglementieren, machten der Kneipenkultur den Garaus, so die These.
Pils-Gerd und Malteser-Olsen
Oliver Köhler und Christopher Wittkopp begegneten sich zuerst im Studio-Theater, wirken mit beim Kinderstück „Momo“. Ihr Kneipenprogramm entwickelten sie in den Wagenhallen, präsentierten es dort zuerst. Nadine Klante, Co-Intendantin am Studio- Theater, sorgte für die szenische Einrichtung – und nun entfaltet sich ebendort die seltsam schöne Welt, die Wittkopp als Texter, Köhler als Puppenspieler und Bastler kreierten. Beide treten auf als Pils-Gerd und Malteser-Olsen, einzige Mitglieder des Vereins zur Erhaltung des Soleis als Kulturgut. Sie sitzen beisammen, halten ihre Jahreshauptversammlung ab, gedenken ihrer verstorbenen Mitglieder, zitieren Borchert, Mörike, Erich Fried und Heinz Ehrhard, tauchen ein in ein Milieu, wie gezeichnet von Heinrich Zille, stimmen „Bella Ciao“ an oder einen Hit von Matthias Reim, lauschen dem Ave Maria oder der Berliner Kneipen-Chanteuse Claire Waldoff, die knisternd singt „Wer schmeißt denn da mit Lehm“.
Launige Dialoge und Improvisationen
Sie philosophieren, erzählen, lassen Originale auftreten. Sie blicken, mit Puppenspiel, Rezitation, launigen Dialogen und Improvisationen in schummrige Ecken, in denen Menschen sich begegneten und das Leben weiterging. Sie möchten ihr Programm künftig nicht nur am Theater spielen, sondern auch an echten „Unorten“, Kneipen beispielsweise. Zuletzt blasen sie gemächlich ein riesenhaftes Ei auf und verabschieden sich, ganz beiläufig.