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Pressestimmen

Stuttgarter Zeitung, 23. Mai 2025

Die Macht des Magiers

(von Tim Schleider)
Das Stuttgarter Studio Theater bringt Thomas Manns Erzählung „Mario und der Zauberer“ auf die Bühne – es ist ja leider so aktuell wie lang nicht mehr.

Foto: Stephan Haase

Vor 150 Jahren wurde Thomas Mann geboren: Es ist bemerkenswert, vor allem aber bezeichnend für unsere aktuelle Lage, wie stark sich das Interesse im Jubiläumsjahr gerade auf die politische Haltung und Botschaft des Dichters konzentriert – auf den Verteidiger der Weimarer Republik in den 1920er-Jahren, auf den Exilanten in der Nazi-Zeit, der versucht, vom Ausland aus den Deutschen ins Gewissen zu reden. Jahrzehntelang galt Thomas Mann im Kontrast zu seinem Bruder Heinrich noch als der schöngeistige, verwagnerte Ästhet, der Homo Unpoliticus, der eher zufällig im Ausland landete. Diese Deutung war schon immer Unsinn; inzwischen liest man seine Romane, Briefe, seine Essays und Reden aus den 20er- und 30er-Jahren zum Glück genauer und weniger politisch voreingenommen.

Das passt zum Haus

Staunen kann man zum Beispiel immer nur aufs Neue über die Klarheit der Analyse, die Qualität der künstlerischen Verdichtung und die Bestimmtheit der politischen Aussage in seiner Novelle „Mario und der Zauberer“, 1930 veröffentlicht im Rückblick auf einen Sommerurlaub 1926 im damals ja bereits faschistisch regierten Italien. Es passt perfekt zur engagierten Haltung des Stuttgarter Studio Theaters, diese Geschichte auf ihre kleine, feine Bühne zu bringen – in einer natürlich eingedampften Textfassung der Ko-Intendantin Daniele Urban, die auch die Regie übernommen hat.

Sebastian Schäfer und Galina Freund als Thomas und Katia Mann berichten also von ihren beunruhigenden Erlebnissen im Hotel und am Strand, wo sie sich im Kleinen des Ferienalltags plötzlich den Auswirkungen nationalistischer Xenophobie im Großen der Politik ausgesetzt sehen. Und sie besuchen gemeinsam mit Felix Jeiter als Kellner Mario die Spätvorstellung des Zauberers Cipolla, dessen magische Qualitäten vor allem in perfider Suggestion bestehen: Was, so seine zentrale Frage, sei denn schon das kleine armselige persönliche Wollen angesichts der Kraft und Macht des Befehls?

Achim Hall hat als Cipolla einen starken Auftritt, kommt er doch im Gegensatz zu den hellen Tönen der sonstigen Kostüme und des Bühnenbilds (Leah Lichtwitz) ganz im italienischen Faschisten-Schwarz. Großartig gespielt ist die zentrale Szene der Hypnose, in der er Mario dazu bringt, in ihm, dem Verführer, die lang ersehnte Freundin zu sehen.

Insgesamt ist der gut einstündige Abend aber eher eckig als rund geraten. Die Übergänge zwischen den Szenen schleifen, vor allem fremdeln die Spieler immer mal wieder mit der gerade in dieser Novelle so bewusst distinguiert gehaltenen Sprache Manns; vieles wirkt da eher aufgesagt als authentisch berichtet. Die Botschaft sitzt aber in jedem Fall, der Gewinn für den Zuschauer ist klar, der Beifall darum herzlich.

Stuttgarter Zeitung, 16. März 2025

Loblied auf die kleine Kneipe

(von Thomas Morawitzky)

Die Kneipe als Kulturgut: Oliver Köhler und Christopher Wittkopp Foto: Benjamin Wendel.

Oliver Köhler und Christopher Wittkopp feiern im Studio-Theater in Stuttgart die untergegangene Kultur der kleinen Kneipen und Spelunken – und vor allem einen speziellen Leckerbissen.

Da stehen sie, in Uniformen der Heilsarmee, und loben das Ei. Genauer: das Solei. Was ein Solei ist und wie es hergestellt wird, das erfährt das Publikum im Studio Theater, beim Kneipen-Theater-Abend „Von Thekenperlen und anderen Leckerbissen“, der nun Premiere feierte. Oliver Köhler und Christopher Wittkopp haben diesen ungemein skurrilen Abend zusammengestellt als eine Hommage an eine untergegangene Kultur – die der kleinen Kneipen und Spelunken, in denen sich einst alle Welt traf, ob nun Chefarzt oder Bauarbeiter, um dort ein frühes oder spätes Bier zu schlürfen.
Das Solei, nach Rezept von Oma Gerda, war ein wichtiger Bestandteil dieser Welt, durfte nicht fehlen im Hungerturm, der mehrstöckigen Vitrine, die, vornehmlich im Ruhrpott oder in Berlin, auf den Theken stand und Nahrungsmittel für Kneipengänger bereithielt. Gesetze, die den Verkauf von Speisen reglementieren, machten der Kneipenkultur den Garaus, so die These.
Pils-Gerd und Malteser-Olsen

Oliver Köhler und Christopher Wittkopp begegneten sich zuerst im Studio-Theater, wirken mit beim Kinderstück „Momo“. Ihr Kneipenprogramm entwickelten sie in den Wagenhallen, präsentierten es dort zuerst. Nadine Klante, Co-Intendantin am Studio- Theater, sorgte für die szenische Einrichtung – und nun entfaltet sich ebendort die seltsam schöne Welt, die Wittkopp als Texter, Köhler als Puppenspieler und Bastler kreierten. Beide treten auf als Pils-Gerd und Malteser-Olsen, einzige Mitglieder des Vereins zur Erhaltung des Soleis als Kulturgut. Sie sitzen beisammen, halten ihre Jahreshauptversammlung ab, gedenken ihrer verstorbenen Mitglieder, zitieren Borchert, Mörike, Erich Fried und Heinz Ehrhard, tauchen ein in ein Milieu, wie gezeichnet von Heinrich Zille, stimmen „Bella Ciao“ an oder einen Hit von Matthias Reim, lauschen dem Ave Maria oder der Berliner Kneipen-Chanteuse Claire Waldoff, die knisternd singt „Wer schmeißt denn da mit Lehm“.
Launige Dialoge und Improvisationen

Sie philosophieren, erzählen, lassen Originale auftreten. Sie blicken, mit Puppenspiel, Rezitation, launigen Dialogen und Improvisationen in schummrige Ecken, in denen Menschen sich begegneten und das Leben weiterging. Sie möchten ihr Programm künftig nicht nur am Theater spielen, sondern auch an echten „Unorten“, Kneipen beispielsweise. Zuletzt blasen sie gemächlich ein riesenhaftes Ei auf und verabschieden sich, ganz beiläufig.

Stuttgarter Zeitung, 22. Februar 2025

Wenn die Familie zur Hölle wird

(von Cord Beintmann)
Das Drama „Das wirkliche Leben“ nimmt die Zuschauer im Studio Theater mit in eine düstere Welt, aus der die Tochter Adeline unbedingt ausbrechen will.
Wenn die Familie zur Hölle wird

Die Familie sitzt im „Raum der Kadaver“, wie ihn die Tochter nennt, denn die Wände sind mit Tiertrophäen bestückt. Der Vater liebt die Jagd, Fernsehen und Whisky, und am Esstisch schlägt der eisige Familientyrann die Mutter, weil ihm das Essen nicht schmeckt.

In dieser Szene ballt sich die unheilvolle Struktur einer von einem patriarchalischen Autokraten beherrschten Kleinfamilie zusammen, in der die Mutter alle Schrecken stumm erduldet. Adeline, am Tisch noch ein Kind, erzählt davon wie eine Erwachsene aus der Rückschau, in einer kühlen, sarkastischen Sprache von erschreckender Unverblümtheit. Für ihre Mutter empfinde sie nur Mitleid, ja sogar Verachtung. „Das wirkliche Leben“ heißt das Stück nach dem gleichnamigen preisgekrönten Roman der Belgierin Adeline Dieudonné aus dem Jahre 2018.

Für das Studio Theater haben Yassin Trabelsi und Daniela Urban eine überzeugende Bühnenfassung erarbeitet.

Hilft nur eine Zeitmaschine?

Zu erleben ist ein Coming-of-Age-Stück der knochentrockenen und gruseligen Art. Adeline möchte ihren kleinen Bruder (Robin Kümmel) schützen und glaubt, eine Zeitmaschine könne die beiden in ein Leben fern von den gruseligen Eltern katapultieren. Das kann nicht klappen, und Adeline muss zuschauen, wie ihr Bruder später zu einem abstoßenden Tiertöter wird. Sie selbst aber durchschaut erstaunlich klar ihre Situation und erkennt, dass sie sich aus dieser Familie herauskämpfen muss. Sie schafft es, dem Vater die Erlaubnis abzuringen, dass ihr ein Professor privat Physikunterricht gibt. „In mir wächst etwas Mächtiges heran“, erklärt Adeline gegen Ende des Stücks.

Insgesamt kommt ihr Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben im Stück etwas zu kurz. Doch der Abend, den Yassin Trabelsi ideenreich und auch amüsant inszeniert hat, bietet auf einer kleinen Bühne Theater, wie es sein sollte: Szenen, die zu denken geben, und ein sinnliches Erlebnis. Corentin Muller hat aus schlichter Pappe einen einleuchtenden Bühnenraum gebaut. Auf ihm entfalten sich atmosphärisch dichte Szenen mit einer sorgfältigen Lichtregie und aufregender Musik (Sven Daniel Bühler), die das Geschehen raffiniert unterfüttert. Bisweilen ist es vollständig dunkel, und man sitzt als Zuschauer ziemlich irritiert in seinem Stuhl. Gut so.

Die versteinerte Mutter

Überhaupt ist diese Inszenierung spannend, sie nimmt den Zuschauer mit, konfrontiert ihn ständig mit Unvorhersehbarem. Sabine Christiane Dotzer verkörpert die versteinerte Mutter glaubhaft und ist amüsant als russisch akzentuierende Gattin des „Champions“. Sebastian Schäfer gibt ihn witzig als angejahrten Eigenheimsiedlungs-Kavalier, den die jugendliche Adeline erstaunlicherweise supersexy findet. Leonore Magdalena Lang trägt das Stück als erzählende Adeline zwei Stunden lang mit großer Bühnenpräsenz. Souverän stößt sie direkte, erbarmungslose Sätze aus, die erschrecken und berühren.

Termine „Das wirkliche Leben“ im Studio Theater, am 22. sowie vom 26. bis 28. Februar & März 2025

Studio Theater Stuttgart e.V.
Hohenheimer Straße 44
70184 Stuttgart

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