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Pressestimmen

KONTEXT: Wochenzeitung

"Trad Whys" im Studio Theater Stuttgart - Ein Volk, ein Sauerteig, eine Rührerin

von Martin Mezger, 07.10.2027

"Trad Whys – Müssen wir da wirklich noch mal durch?" Alessandra Bosch, Dawn Patricia Robinson und die Regisseurin Daniela Urban fragen im Studio Theater Stuttgart, warum Frauen Tradwives sein wollen.

Fotos: Stephan Haase

Schönes Chaos: Alessandra Bosch und Dawn Robinson

Ja, das ist Balsam auf geschundene, des Patriarchats gescholtene Männerseelen: "Als traditionelle Hausfrau kann ich meiner biologischen Bestimmung folgen. Ich bin meinem Mann so dankbar, dass er mir dieses Leben ermöglicht und wir in einer natürlichen Rollenverteilung leben und wachsen können." Steht so oder ähnlich auf Insta unter Hashtags wie #einfachfrauseindürfen, #allesfürmeinenmann oder auch #deutschewerte. Voll prall für uns Mannen: Wir müssen ins feindliche Leben hinaus, kommen um halb sechs nach Haus, Rohkost und Tee stehen schon auf dem Tisch, gesund, appetitlich und absolut frisch. Ein Gedicht. So wie die proper aufgeputzte Hausfrauengattin selbst. Die uns auch sonst nicht auf den Wecker geht. Ungefragt hält sie die Klappe. "Begrüße ihn nicht mit Beschwerden und Problemen. Seine Gesprächsthemen sind wichtiger als deine!" Oberste Harmonieregel der wunderbar natürlichen Geschlechterbalance.

Dass solch selige Chauviparadiese keine sackkratzenden Männerphantasien, sondern sehnlichste Frauenwünsche seien, ist die Behauptung einer breiten Phalanx von Influencerinnen mit angeblich wachsendem Followerinnen-Gefolge. Ganz im Stil modernen Agenda-Settings, wo es um Propaganda geht, unabhängig von der Zustimmung zur expliziten Botshaft. Insofern ist dem Zurück-an-den-Herd-Projekt glorioser Triumph beschieden: Jede(r) quatscht von "Tradwives" – so oder anders. Im Stuttgarter Studio Theater stochern Alessandra Bosch, Dawn Patricia Robinson und die Regisseurin Daniela Urban im Sumpf der Selbstunterwerfung nach den Gründen: "Trad Whys – Müssen wir da wirklich noch mal durch?" heißt ihre Performance. Titelgemäß fragt sie nach den Warums, erwartungsgemäß gibt sie eine warnende Antwort.

Selbstverleugnung, die sich als Achtsamkeit ausgibt

Dummerweise sind die digital inszenierten Tradwife-Refugien aus abgesofteten Umgangsformen, Kitsch als Lifestyle und dauerlächelnder Selbstverleugnung, die sich als Achtsamkeit ausgibt, immun gegen Kritik. Was die Märchenwelt der Küchenprinzessinnen an realer Entmündigung, Fremdbestimmung, Ausbeutung und Unterordnung bedeutet, erklärt der Kult des provokant Bescheuerten zur wahren weiblichen Selbstverwirklichung. Ganz offen. Da gibt's nichts aufzuklären. 

Bosch, Robinson und Urban versuchen es trotzdem: mit einer multimedialen Mischung aus Tradwife-Drama, Dokumentation und Ideologiekritik auf eigener Text- und Zitatcollage-Basis. In zwillingshaftem Rollenwechsel spielen die beiden Darstellerinnen, wie frau aus Business-Klamotten (blaue Hose, ärmelloses weißes Top) in altbackene Kittel samt Schurz und Blondchen-Perücke gerät (Kostüme und Bühne: Frederike Marsha Coors) – ihr Weg aus dem beruflichen Hamsterrad ins heimische Idyll und die Fänge eines bezahlenden, beschützenden und vor allem beherrschenden Traumprinzen. Womit zumindest ein handfestes Motiv für den weiblichen Rückzug benannt wäre: Stress und Frust der Lohnarbeit, in der Realität gepaart mit Doppelbelastung durch unentlohnte Care-Arbeit, die listige Dreingabe des Patriarchats in die berufstätige Emanzipation von Frauen.

In der Pastellzone: Alessandra Bosch

Bei Bosch und Robinson hetzt frau durch unbezahlte Praktika, Niedriglohngruppen und befristete Anstellungsverträge. Frühmorgens Kosmetik ("sexy, aber nicht slutty"), abends "Afterwork Meet and Greets für karrierefördernde Relations". Keine Zeit, kein Raum für Perspektiven, Partnerschaft, Kinderkriegen: "undersexed und overvibed". 

Naturgemäß gleiten da Einflüsterungen ("Du musst nicht mehr kämpfen. Ich biete Dir ein stabiles Zuhause") wohlig durch den Gehörgang. Und gepostete Hochzeitsbilder ins tränenfeuchte Auge (Video: Lina Meyn und Anna-Sophia Strittmatter) – zurück in die Zukunft der Hausfrauenehe.

Ein Frauenschicksal, ernst genommen. Die stärksten Momente der Performance sind jene, die kontroverse Befindlichkeiten fassbar machen. Zum Beispiel die Spannung in der Entspannung als Symptom allgemeiner Gereiztheit. Meditativ will die berufsgestresste Frau relaxen. Sanfte Dreiklänge perlen, eine Yoga-Stimme säuselt. Was erst recht aggressionsfördernd wirkt. Die Frau wird grantig. Sie will nur noch schlafen.

Ein Bauernbrot wird geboren

"Ankommen. Zur Ruhe kommen. Zu sich selbst kommen" – das ist jetzt der Wegweiser ins Stay-at-home-Leben. Aber die Gereiztheit kommt mit. Etwa wenn um elf am Vormittag schon alles fertig ist, der Göttergatte aber erst um halb sechs einschwebt. Alles gerichtet, nichts mehr zu tun. Nur der Männe fehlt – für Stunden. Die Sekunden ticken, die exklusive Langeweile wird unerträglich: eine Szene von schönster Beckett'scher Absurdität. Knisternd vor Spannung, dass etwas passiert. Passiert aber nichts.

Verlorene Nerven: Dawn Patricia Robinson

Bis Stufe zwei der Trad-Skala erreicht ist: nach Schwangerschaftspoesie à la "Ich werde weiter. Ich werde weicher und gleichzeitig stärker" die Entbindung, natürlich ohne Kaiserschnitt. Dann Kindergeschrei bei abwesendem Papi, Wäscheberge und Mamas verlorene Nerven. Zur heilen Welt gebracht hat sie übrigens Babys in Gestalt von Bauernbrot und Baguette: eine nette Trash-Pointe in Urbans Regie. Gilt doch das selbstgebackene tägliche Brot als so etwas wie die heilige Eucharistie der Trad-Szene. Namentlich der Sauerteig ist der bevorzugte Laib des Herrn Gemahl.

Jedenfalls: Idyllen können trügen. Klick- und Followerzahlen auch. Trad und Trash liegen so nahe beieinander wie Tradwives und Tradbots. Den viralen Zahlen müssen keine realen Massenfluchten ins traute Heim entsprechen. Die anti-feministische Rückbildungsgymnastik ist zuvorderst ein Social-Media-Phantom, auch wenn ihre rückwärtsgewandten Utopien weder zeit- noch ortlos daherkommen. Ihre Zeit: 50er-Jahre, Jahrhundertwende, Hauptsache retro, Hauptsache voremanzipatorisch. Ihre Orte: Schöner-Wohnen- und Schöner-Kochen-Schauplätze des Product Placements. Oder auch Landlust-Paradiese wie die "Ballerina Farm" einer inzwischen kinderreichen amerikanischen Ex-Tänzerin. Es sind virtuelle Gespensterorte zwischen selbst angebautem Bio-Gemüse, Smoothie und Lippenstift, modrigen Rollenzuschreibungen und Jubel über alles Reaktionäre.

Letztlich doch kein Biss 

Selbstverständlich schreit das nach Parodie. Einen Jux müsste sich das Theater machen wollen, wenn es das Thema aufgreift. Aber: Lustigmachen allein läuft Gefahr der Verharmlosung. Im Studio Theater bleibt es weitgehend ernst – der Sache angemessen, aber erkauft durch einen Mangel an Ironie, Spott, Sarkasmus. Letztlich kommt die Performance recht bieder daher und ohne wirklichen Biss.

Das Finale mit der Warnung vor Risiken und Nebenwirkungen der bewusstseinsverengenden Heim-an-den-Herd-Droge gibt theatralische Mittel vollends dem Frontalunterricht preis – und rennt damit durch offene Türen ins Leere. Denn selbst die betuppteste "Traditionelle" weiß, dass sie finanziell ziemlich angearscht dasteht, wenn der Alte zu einer Jüngeren rübermacht; dass nur wirtschaftliche Unabhängigkeit Selbstbestimmung garantiert; dass unter spätkapitalistischen Bedingungen sich nur wenige Männer eine Tradwife leisten können; dass halbwegs erfolgreiche Tradfluencerinnen weitaus mehr Kohle machen als der Mann, von dem sie vorgeblich leben.

Im Stress: Alessandra Bosch und Dawn Patricia Robinson

Wie andere virale Strategien funktioniert der Trad-Fimmel nur als Trotz wider das eigene bessere Wissen. Wer angefixt wird durch die bewährte Methode der gegenaufklärerischen Impulsumkehr, halluziniert autoritäre Absichten als anti-autoritär: Frauen machen sich frei von dem, was ihnen Feministinnen – oder gar Männer – jahrzehntelang eingeredet haben. Gegen solchen Postfakt-Fake-Fuck auf der Online-Gehirnwäscheleine tut sich das Theater als analoges Medium schwer. 

Doch lieber Frauenwahlrecht abschaffen? 

Gefährlich ist die Legende vom wahren, natur- oder gottgegebenen Wesen der Frau vor allem als algorithmisiertes Wunschbild: ein Mindset, anschlussfähig an religiösen Fundamentalismus, rechtsdrehende Kulturen, Völkisches und die üblichen Kameradschaften. Ein Volk, ein Sauerteig, eine Rührerin: Auf dass die Manosphere die Frauen*-Sternchen erlöschen und als Kreuzchen am rechten Fleck auf die Wahlzettel sinken lässt. Denn da besteht Handlungsbedarf für unsere Rechtsdemagogen, wie in der Performance zu erfahren ist: Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, wo an erster Stelle die unter 25-Jährigen der AfD zum Triumph verholfen haben, stimmten 52 Prozent der männliche Wähler dieser Altersgruppe für die Rechtsextremen, aber nur 32 Prozent der jungen Wählerinnen. Frauen sind also immer noch klüger. Trotz Tradwives-Kampagne. Muss wohl ein anderer Knüppel aus dem Sack. Höcke, übernehmen Sie! Verschärfte Taktik!! Frauenwahlrecht in Frage stellen!!!


Die nächsten Vorstellungen der Performance "Trad Whys" sind am 7., 8. und 9. Oktober im Studio Theater, Hohenheimer Straße 44 in Stuttgart zu sehen.

Stuttgarter Zeitung

„Trad Whys“ im Studio-Theater - Zurück an den Herd mit Macht

Theater über antifeministische Bewegung

von Cord Beintmann, 02.10.2026

In „Trad Whys“ widmen sich Alessandra Bosch und Dawn Patricia Robinson den Idealen der Tradwives – und zeigen mit viel Witz, wie grotesk die vermeintliche Idylle traditioneller Geschlechterrollen geraten kann.


Foto: Stephan Haase

Angemessene Kleidung für Tradwives: Alessandra Bosch (lks.) und Dawn Patricia Robertson .

Tradwives (deutsch in etwa: herkömmliche Heimchen am Herd) – was sind das für Frauen? Bei der Uraufführung von „Trad Whys“ im Studio-Theater erfährt man es. Die Tradwives sind eine antifeministische Bewegung, die vor rund fünfzehn Jahren in den USA aufkam und in Europa erst seit ein paar Jahren bekannt geworden ist. Kurz gesagt treten die Tradwives, die vor allem in den sozialen Medien präsent sind, die Frauenemanzipation der vergangenen hundert Jahre mit Füßen und wollen mit Macht in ein Pseudoparadies gestriger Geschlechterrollen zurück.

Frust auf die Arbeitswelt
Im Studio-Theater bieten Alessandra Bosch und Dawn Patricia Robinson eine witzig-sarkastische Performance mit zwei Hardcore-Tradwives. Erstmal stehen sie in weißen Oberteilen und schwarzen Hosen (Ausstattung: Frederike Marsha Coors) als frustrierte Business-Frauen auf der Bühne, die mit Verve gegen Konkurrenzkampf und Selbstausbeutung wettern. Auf die „abgefuckte Arbeit“ haben sie „keinen Bock mehr“.

Das Pseudoparadies der Tradwives
Was dann aber folgt, ist geradezu schaurige Tradwife-Ideologie. Daniela Urban, die auch Regie führte, und ihre beiden Performerinnen präsentieren im gemeinsam erarbeiteten Text eine Sammlung haarsträubender Tradwives-Thesen. Dazu ziehen sich Bosch und Robinson erstmal unsexy lange Kleider mit altfränkischen Säumen über, später auch noch Blondperücken mit herzigen Locken.
Lebenssinn ist, ein behagliches Heim mit Ehegatten und Kindern herzustellen, die Mama arbeitet selbstverständlich nicht, abgesehen von der Care-Arbeit. Man will Geborgenheit und Sicherheit sowie einen Gatten, der absoluter Herr im Hause ist.

„Hier entscheidest er ganz allein“
„Hier entscheidest er ganz allein“, erläutert Bosch die Machtstrukturen im Familienheim. Dafür entscheidet das Frauchen im Haus aber manches auch ganz allein, z. B. darüber, „welches Klopapier wir benutzen“. Immerhin: Hier, im Haushalt, „kann ich ganz Frau sein“, meint die Traditionelle. Auch ihr Denken fährt sie freiwillig herunter: „Ich denke nicht mehr darüber nach, wer ich bin.“
Ganz wunderbar, wie Alessandra Bosch und Dawn Patricia Robinson die grotesken Sätze mit mal salbungsvollen, mal piepsigen Stimmlagen intonieren, über einen Tisch mit Blümchendecke gebeugt, der mit rosa Behältern wie bei einer Tupperparty vollgemüllt ist. Dazu ertönen Piano-Geklimper und weiche Wohlfühlklänge (Musik: Vincent Wikström).

Blümchendecke statt Selbstbestimmung
Zu sehen sind kleine, peinliche Filmeinspielungen mit glückseligen Tradwives, und hilfreich geraten gut verdichtete Passagen, in denen die beiden Performerinnen von der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frauen, aber auch von dem Prozess der rechtlichen Gleichstellung im zwanzigsten Jahrhundert berichten.

Wenn die Idylle Risse bekommt
Kurz wird noch angeschnitten, dass auch der Alltag mit Kindern selbst für Tradwives nervig sein kann. Und was machen sie, wenn der Halbgott-Ehegatte sich von ihnen trennt oder stirbt? Die Tradwives leben in Abhängigkeit vom Ehemann. Diese Performance ist insgesamt so informativ wie vergnüglich geraten.

Studio-Theater, Hohenheimer Str. 44, Stuttgart-Mitte, weitere Termine am 3.+7.-9. Oktober

KONTEXT:Wochenzeitung

"FAUST.Margarete" im Studio Theater

Gretchenfragen

Von Verena Großkreutz, 01.07.2026

Daniela Urban als Intendantin setzt das Stuttgarter Studio Theater seit 2024 auf feministische Themen. Mit Erfolg: Die Vorstellungen sind meist ausverkauft. Die Performance "FAUST.Margarete" über den Gretchenstoff in Goethes "Faust" fiel aber überraschend brav aus.

Goethes "Faust I", der Deutschen liebstes Theaterstück mit höchster Aufführungsfrequenz, mutierte zur Bibel deutscher geflügelter Worte: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", "Grau, teurer Freund, ist alle Theorie", "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein". Natürlich meinte Goethe mit "Mensch" vor allem den männlichen Teil der Bevölkerung.
Merkwürdig, dass die Deutschen gerade Faust so lieben, ist er doch eigentlich ein äußerst unangenehmer Zeitgenosse: ein typischer Vertreter toxischer Männlichkeit, der sich jedes Recht nimmt und keine Skrupel kennt auf seinem Weg der Lebenssinnsuche und Selbstverwirklichung. Er nimmt dafür den Tod von vier Menschen, die Auslöschung einer ganzen Familie, in Kauf. Zuvor schwängerte der Alte die minderjährige Margarete, genannt auch Gretchen, und lässt sie dann sitzen. Faust ist der Liebe nicht fähig. Für Gretchen geht das böse aus. Unverheiratet schwanger versucht sie, der gesellschaftlichen und sozialen Vernichtung zu entgehen, indem sie in ihrer Verzweiflung ihr Neugeborenes ertränkt. Sie wird dafür zum Tode verurteilt. Schwangerschaft, Geburt, Tod des Kindes, Verhaftung bleiben außen vor bei Goethe. Gretchen bleibt eine Nebenfigur.

Endlich Hauptfigur
Im Performance-Stück "FAUST.Margarete // Gretchen wants a full story" ist die Unglückliche jetzt endlich mal Hauptfigur. Entwickelt hat es – in Kooperation mit dem Studio Theater Stuttgart – ein neu gegründetes Kollektiv aus vier jungen Künstlerinnen aus Leipzig, wo es im vergangenen Mai uraufgeführt wurde. Jetzt gab's die Stuttgarter Premiere im Studio Theater. Mit dabei: die Komponistin Niayesh Ebrahimi, die gerne vom Laptop aus mit synthetisierten Soundscapes arbeitet; die Liedbegleiterin und Pianistin Laura Schwind; die gebürtige Stuttgarterin Annika Spegg, Geigerin und interdisziplinäre Künstlerin auf der Suche nach neuen Formaten; die Sopranistin und Opernsängerin Daniela Zib. Die vier nennen ihren Abend "Feministisches Kammermusiktheater" und verbinden das mit dem Versuch, Gretchens Geschichte in der heutigen Zeit zu spiegeln.
Was die Musik angeht, funktioniert das Stück sehr gut. Es werden Lieder vorgetragen, in denen sich Komponisten der Romantik mit den Redeanteilen Gretchens im "Faust"-Text auseinandersetzten. So etwa Franz Schuberts berühmtes "Gretchen am Spinnrade" auf Goethes "Meine Ruh ist hin". Schwind am Klavier und Zib, der Sopranistin, gelingt es, die immer existenzieller werdende Unruhe Gretchens, die an ihren Geliebten denkt und am Ende mit ihm vereint sein will, expressiv zu vermitteln. Auch in Richard Wagners selten gespieltem kurzem Melodram "Ach neige, du Schmerzenreiche", einer Vertonung des Textes, in dem Goethe das völlig verzweifelte Gretchen vor einem Andachtsbild die Mater Dolorosa um Hilfe anflehen lässt, gelingt dies eindringlich. Für den Vortrag von "Air des Bijoux", Gretchens populärer "Juwelen-Arie" aus Charles Gounods "Faust"-Oper scheint das Studio Theater aber etwas zu klein. Zibs Stimme bringt die Wände zum Beben. Schön aber der Soundteppich, den Ebrahimi am Laptop entstehen lässt und dabei auf vibrierende Unruhe setzt. Ähnlich agiert Spegg auf der Geige: mit Tremoli und einer ätherischen Version der Unheil verkündenden, alten "Dies-Irae"-Kirchenmelodie.

Von links: Laura Schwind, Daniela Zib, Annika Spegg und Niayesh Ebrahimi

Die Musik wird kontrastiert mit "Faust"-Zitaten und Lesungen selbstgeschriebener Texte, die auf eigenen Erfahrungen und solchen aus dem Freundinnenkreis aufbauen. Es geht darin um die ersten, oft sehr negativen sexuellen Erfahrungen, die junge Frauen freiwillig oder unfreiwillig machen, um den Druck, der ihnen von gleichaltrigen oder älteren Männern gemacht wird. Eine erzählt von einem Lover, der sich sofort zurückzog und sich nie wieder meldete, nachdem sie ihm ihre Liebe gestanden hatte. Aber reicht das, um eine Theaterproduktion als feministisch bezeichnen zu können?
Das Projekt wirkt sympathisch und engagiert, keine Frage, aber angesichts der Krassheit der Gretchen-Geschichte auch sehr brav. Immerhin landet Margarete auf dem Schafott. Es steht auch nach wie vor die Frage im Raum, ob Goethe die damalige Rechtsprechung hingenommen hat oder ob er sie im "Faust" kritisieren wollte. Oder hatte er gar Schuldgefühle zu verarbeiten? Schließlich hatte er doch einst selbst ein solches Todesurteil befürwortet. Nämlich als hoher Beamter und Minister im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. In dieser Funktion war er stets an wichtigen Entscheidungen beteiligt. So auch 1783 am Fall der Dienstmagd Johanna Catharina Höhn, die wegen Kindstötung zum Tode verurteilt wurde. Quellen belegen, dass Goethe als Mitglied des verantwortlichen Gremiums für die Todesstrafe stimmte. Höhn wurde hingerichtet.

Ein Blick von außen wäre gut gewesen
Wer theateraffin ist, hat einerseits schon moderne Inszenierungen gesehen, in denen Margarete gar nicht mehr nur als Opfer dargestellt wird, sondern durchaus selbstbewusst. Vor allem aber gibt es bedeutende feministische Literatur, die sich mit Goethes "Faust" auseinandersetzt, etwa "FaustIn and out" der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, die sich ja auch ansonsten mit patriarchalen Machtstrukturen, Gewalt gegen Frauen, der Verbindung von Geschlecht, Sprache und Macht auseinandersetzt. Sie stellte in "FaustIn and out", das als Kommentar zusammen mit "Faust" gespielt werden soll, der Gretchen-Tragödie das Fritzl-Grauen gegenüber. Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre lang in einem Kellerverließ quälte und vergewaltigte, wird darin Faust gleichgesetzt: Fritzl und Faust – beide getrieben von der Gier nach Allmacht.
Man merkt dem Projekt auch an, dass ihm eine professionelle Regie oder zumindest ein Outside Eye (Blick von außen) fehlt. Die künstlerische Leitung übernahm Annika Spegg, die selbst auf der Bühne steht. Am Beginn des 65-Minuten-Abends etwa wird viel Zeit verspielt mit Chips-Essen, dem belanglosen Mengenwahrnehmungskartenspiel "Halli Galli", der Beschäftigung mit dem "Mädchen"-Magazin und Fragen, was man zum ersten Date mit einem Jungen anziehen soll. Und könnte man den weiblich umgeschriebenen Text "Die Königin von Thule" und seine daraus entstehende, eigentlich sehr effektvolle Wutrede nicht einfach auswendig lernen, statt ihn abzulesen? Und was ist mit dem Paragrafen 218, der in Deutschland Schwangerschaftsabbrüche nach wie vor grundsätzlich strafbar macht, in der Performance aber nicht einmal erwähnt wird? Fragen über Fragen, die offen bleiben.

"FAUST.Margarete // Gretchen wants a full story" im Studio Theater Stuttgart ist derzeit ausverkauft. Ob es weitere Termine und damit Karten gibt, ist hier zu erfahren.

Stuttgarter Zeitung

Endlich wird Gretchens ganze Geschichte erzählt

von Cord Beintmann, 26.06.2026

Foto: Studio Theater

Das Studio-Theater in Stuttgart zeigt zu der Frau in „Faust“ eine musikalische Performance, die Goethe und Gegenwart verknüpft. Wie gelingt das?

Es fängt ganz harmlos an. Vier Mädchen schmökern in Mädchenzeitschriften, in denen es um so weltbewegende Fragen geht wie etwa: „Was trägst du, wenn du dich mit einem Jungen verabredest?“ Aber schon das ist nicht harmlos. Es geht um nicht weniger als um die Stellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft, und dieses Thema bearbeiten im Studio-Theater vier studierte junge Musikerinnen anhand von Margarete, jener unglückseligen Frau in Goethes „Faust“, die in Fausts Lebensreise bloß eine Station für den größenwahnsinnigen Sinnsucher ist.

Diverse Musik zur Gretchen-Tragödie

Gretchen dagegen erleidet gesellschaftliche Verachtung, tötet ihr Kind und sieht schließlich ihrer Hinrichtung entgegen. Annika Spegg hatte die Idee zu der immer wieder überraschenden Collage „Faust. Margarete//Gretchen wants a full story“ (künstlerische Leitung: Annika Spegg), deren Konzeption alle vier Akteurinnen entwickelt haben.

Zu hören ist diverse Musik zur Gretchen-Tragödie, Carl Friedrich Zelters Vertonung des Liedes „Der König von Thule“, Richard Wagners „Lied des Mephistopheles II“ oder Schuberts Lied „Gretchen am Spinnrade“: „Mein armer Kopf/Ist mir verrückt/Mein armer Sinn/Ist mir zerstückt“, klagt darin Margarete. Die Opernsängerin Daniela Zib intoniert mit ihrem kraftvoll-dramatischen Sopran auf Französisch eine Arie aus Charles Gounods Oper „Faust“. Laura Schwind spielt Klavier, Annika Spegg Violine, und Niayesh Ebrahimi (Electronics) steuert düster-unheimliche elektronische Klänge bei.

Im kleinen Raum des Studio-Theaters entfaltet sich eine raffinierte, welthaltige Performance, die nicht bloß das traurige Schicksal Gretchens thematisiert, sondern auch mehr oder weniger glückliche Liebeskonstellationen unserer Zeit.

Intelligente Collage

Die vier Darstellerinnen zitieren immer wieder Goethe, aber auch Texte, die sie im eigenen Umkreis gesammelt haben, Coming-of-Age-Erfahrungen mit Sex. Leicht gruselig sind manche. „Als ich 15 war, fragte er mich, ob ich einen Freund habe. Er war 22.“ Oder: Am nächsten Morgen, nach Sex natürlich, „musste er schnell los“ und rief später „nicht mehr zurück“.

Die intelligente Collage der vier Performerinnen schafft es, Goethe und Gegenwart zu verknüpfen. Männer instrumentalisieren Frauen für ihre, die männlichen Bedürfnisse, das ist das Thema. Und es gelingt tatsächlich, Goethes bewegende Verse („Meine Ruh ist hin,/Mein Herz ist schwer“), klassische Musik und schlichte Alltagsprosa des 21. Jahrhunderts so miteinander zu konfrontieren, dass es zu denken gibt. Und das alles auf ein paar Quadratmetern Bühne, die völlig ausreichen.

Suada für die Interessen der Frauen

Gegen Ende dieses wundervoll aparten Bühnenstücks sind von Piano, Geige und Electronics traumhaft flirrende und fiebrige Klänge zu hören (Komposition: Niayesh Ebrahimi), dann folgt ein irrer Paukenschlag. Denn aus Goethes König von Thule, der eine Buhle hatte, wird eine Königin, die einen Buhlen hat und Goethes Verse radikal weiterdenkt.

Der goldene Becher ihres Buhlen ist für die Königin ein „scheißverdammter Becher“, der ruhig untergehen könne. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, zitiert die erstaunlich gebildete Königin Theodor W. Adorno, und dann haut Annika Spegg dem Publikum eine gewaltige Suada für die Interessen der Frauen um die Ohren. Hinreißend. Man wünscht sich die Bearbeitung weiterer Themen durch dieses Quartett.

Faust. Margarete//Gretchen wants a full story: Studio-Theater, Samstag, 27. Juni, 19.30 Uhr. Ausverkauft.

Stuttgarter Zeitung

Gretchen bekommt ihre eigene Geschichte

Feministisches Stück in Stuttgart. Ein neugegründetes Frauenkollektiv geht dem vernachlässigten „Faust“-Stoff auf den Grund – jetzt auch im Studio-Theater

von Roland Müller, 17.06.2026

Foto: Studio Theater

Man muss keine feministische Brille aufsetzen, um die entsetzliche Lücke in Goethes „Faust“ zu sehen. Für den Titelhelden, der sich auf Sinnsuche begibt und erfahren will, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, interessiert sich der Dichter sehr.
Wofür er sich kaum interessiert, ist die Frau, die dem Streben des gelehrten Mannes vorübergehend einen Sinn zu geben vermag: Gretchen. „Meine Ruh ist hin / Mein Herz ist schwer; / Ich finde sie nimmer / und nimmermehr“, sinniert die Verliebte, die noch ein Mädchen ist und die von Faust, der bald zum Greis wird, um den Verstand gebracht wird. Nach der Verführung aber haben es Goethe und Faust eilig. Ein paar Szenen nur – und Gretchen ist erledigt. Als Dramenfigur und als Mensch: Geschwängert und sitzen gelassen tötet sie das Neugeborene, landet im Kerker, verfällt dem Wahn und stirbt. Eine Hauruck-Vernichtung. Und Faust? Dem spendiert Goethe noch Teil zwei der Tragödie.

Mit Geige, Gesang, Klavier und elektronischer Klangkunst

„Faust ist ein Arschloch“ hieß es vor zehn Jahren bei Frank Castorf, als er dem Klassiker aller Klassiker an der Berliner Volksbühne einen langen kurzen Prozess machte. Auch wenn sie gegen dieses harsche Urteil nichts einzuwenden hat, ist es Annika Spegg und ihrem neugegründeten Kollektiv doch wichtig, sich von der Fixierung auf Goethes Titelfigur zu lösen. „Die Selbstfindungsreise des Mannes, die Gelehrtentragödie, ist oft genug erzählt worden“, sagt Spegg, „uns interessiert, was dahinter verschwindet: die Geschichte von Gretchen, die nur lückenhaft dargestellt wird, obwohl sie gewichtiger ist als Fausts Sinnkrise. Gretchen verliert ihre soziale Stellung und sogar ihr Leben.“ Es ist diese „skandalös unterbelichtete“ Gretchentragödie, mit der die vier Künstlerinnen nun im Stuttgarter Studio-Theater gastieren. „Faust. Margarete // Gretchen wants a full story“ lautet der umständliche, aber zutreffende Titel der Performance.
Gretchens „ganze Geschichte“ also. Das heißt: Wie wurde ihre Tragödie in der Zeit nach Goethe bearbeitet? Und warum wurden ihre Erfahrungen, die sehr körperlich waren – Schwangerschaft, Geburt, Tod des Kindes – dabei ausgespart, vor allem in der romantischen Musik? Denn das bietet der vielversprechende Abend neben Schauspiel- und Sprechkunst eben auch: klassische Musik, vorgetragen vom Quartett der Frauen, die allesamt an Musikhochschulen studiert haben und ihre Gretchen-Erkundung deshalb als „feministisches Kammermusiktheater“ bezeichnen – mit Geige, Gesang, Klavier und elektronischer Klangkunst.

Passt perfekt ins Programm

Uraufgeführt wurde „Gretchen wants a full story“ Ende Mai in einem freien Theater in Leipzig. Dort wurde die Truppe der Musik-Performerinnen, die alle um die dreißig sind, auch gegründet. Dass sie jetzt auf ihrer zweiten Station im Studio-Theater gastieren, hängt mit der Gründerin des Kollektivs zusammen. Annika Spegg wurde nicht nur in Stuttgart geboren, sondern hat hier auch Geige studiert, zudem Germanistik und Philosophie in Freiburg und Dramaturgie in Leipzig. Interdisziplinär ausgebildet bringt sie alle Voraussetzungen mit, um dem Gretchen-Stoff in Theorie und Praxis auf den Grund zu gehen.
Dass sie’s mit ihren Genossinnen auf strikt feministische Weise tut, passt natürlich perfekt ins Programm der seit zwei Jahren im Studio-Theater amtierenden Intendantin. Von Anfang an hat Daniela Urban konsequent Frauenthemen auf die Bühne gebracht und damit eine Nische besetzt, die in der Theaterstadt Stuttgart offensichtlich noch frei war. Ihr Laden brummt.

Faust. Margarete // Gretchen wants a full story
Aufführungen am 25., 26. und 27. Juni. Im Anschluss an die letzte Vorstellung findet auch das Sommerfest des Studio-Theaters statt.

Stuttgarter Zeitung

Bestseller „Die Wut, die bleibt“ auf der Bühne

Im Studio-Theater hat das Stück „Die Wut, die bleibt“ nach dem Roman von Mareike Fallwickl erfolgreich Premiere gefeiert.

von Petra Mostbacher-Dix, 30.01.2026

Die Körper? Aufrecht. Die Augen? Fokussiert. Die Stimmen? Laut. „Was einer von uns geschieht, geschieht uns allen“, deklamieren Sunny, Femme, Lola und Alva. Die Mädchengang, die da auf der Bühne des Stuttgarter Studio-Theaters wie ein Standbild steht, ganz in schwarz, Hoodykapuzen tief gezogen, ist zu allem bereit. Nacht für Nacht schreiten die vier 15- bis 18-Jährigen zur Tat, verprügeln Vergewaltiger und Brutalos, ritzen „K“ in deren Haut. „Karma is a bitch“: Nun sollen die Täter das erleben, was sie Frauen angetan haben.

Diese vier Frauen schlagen zurück: Szene aus „Die Wut, die bleibt“

Das System will es so

„Reden reicht nicht!“ Lola erklärt das Sarah. Sie war die beste Freundin ihrer Mutter Helene – bevor Helene wortlos die Balkontür öffnete und sprang. Scheinbar anlasslos, nachdem ihr Mann Roland beim Abendessen nach dem üblichen Tag mit chaotischer Wohnung und quengelnden Kindern wissen will: „Haben wir kein Salz?“

Der Sprung vom Balkon lässt alle schockiert zurück

Mit dem Sprung in den Tod, der Mann, drei Kinder und Freundin schockiert zurück und das Gefüge erdrutschartig erodieren lässt, beginnt „Die Wut, die bleibt“. Das Stück nach dem Roman von Mareike Fallwickl ist weit mehr als die Anatomie eines Falls von Selbstmord oder Analyse der Nation, es geht um gleiches Recht für 50 Prozent der Bevölkerung. Frauen sind es, die vor allem die Kinder betreuen, Familienmitglieder pflegen, den Haushalt versorgen. Studien zeigen, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich 43,4 Prozent mehr Zeit für Care-Arbeit aufwenden als Männer. Nicht, weil das Letztere nicht könnten oder wollten, sondern weil das System so konstruiert ist: So lange Männer 17 Prozent mehr verdienen, bessere Karrierechancen als ihre Partnerinnen haben, so lange bleiben die Frauen zuhause bei den Kindern oder tappen in die Teilzeitfalle.

Frauen bleiben unsichtbar

Nach wie vor gilt der „Referenzmann“ als Standard: 1,77 Meter groß und 70 bis 80 Kilogramm schwer. Dessen Daten fließen in Medizin, Produkte und mehr ein. Frau ist dagegen eine „Datenlücke“. Dieser „Gender Data Gap“ wird nicht im Stück explizit erwähnt. Deutlich wird aber, wie seit Jahrhunderten gedacht – oder besser nicht gedacht wird: „Mensch“ meint Mann als Norm; Frauen bleiben unsichtbar, das wirkt auf Gesellschaft, Arbeitswelt und Politik.


Szene aus „Die Wut, die bleibt“ Foto: Studio-Theater

Das erkennt auch Lola, insbesondere als Sarah auf Wunsch des überforderten Vaters hilft – und sich ausnutzen lässt. Dabei hat sie als erfolgreiche Krimiautorin mit Partner Leon einen anderen Lebensentwurf gewählt. Während sich bei Sarah die Wut auf Helene in Verständnis für die Überforderung wandelt, lernt Skatergirl Lola boxen und bekämpft Rollenbilder und Beautywahn – „Fuck the Schönheitsbild“.

Zugespitzte Dialoge, reduzierte Bühne

All das spielen Elena Widmann als Lola sowie Anna Angelini, Stephanie Biesolt und Alessandra Bosch mit einer Intensität, die Gänsehaut erzeugt. Regisseurin Lisa Wildmann und Dramaturgin Daniela Urban verstehen es, die Dialoge zuzuspitzen, während der Bühnenbildner Klaus-Peter Platten eine raffiniert reduzierte, multifunktionale Szenerie liefert. Das Ensemble bekam zu Recht viel Applaus – aktueller könnte das Thema nicht sein.

Kontext Wochenzeitung

Schlag zurück!

von Verena Großkreutz, Datum: 04.02.2026

Mit ihrem Roman "Die Wut, die bleibt" landete die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl 2022 einen feministischen Bestseller. Seine Aktualität und seine lakonische Sprache machen ihn fürs Theater interessant. Jetzt hatte am Stuttgarter Studio Theater eine neue Bühnenfassung Premiere.

Im November 2024 gab es in der österreichischen Landespolitik einen bemerkenswerten Rücktritt: Der 41-jährige oberösterreichische SPÖ-Landesvorsitzende Michael Lindner zog sich aus der Politik zurück, weil ein Buch ihn zum Nachdenken über seine Vaterrolle gebracht hatte. Lindner verstand seinen Schritt auch als Signal: "Einerseits an die Politik, bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie an die eigene Vorbildwirkung zu denken", und andererseits an die Männer. Diese sollten sich als Väter die Aufgaben mit den Müttern teilen und nicht die ganze Care-Arbeit auf sie abladen, so Lindner gegenüber dem "Standard".
Beim besagten Buch handelt es sich um den feministischen, 2022 veröffentlichten Roman "Die Wut, die bleibt" der österreichischen Schriftstellerin Mareike Fallwickl. Er beginnt mit dem Suizid Helenes, einer Mutter dreier Kinder, die depressiv, überfordert, chronisch erschöpft vom Familienalltag sich während des familiären Abendessens vom Balkon in den Tod stürzt. Auslöser dafür ist ein Spruch ihres Mannes. Statt selbst aufzustehen und nachzuschauen, wirft er die Frage in den Raum: "Haben wir noch Salz?" Dieser passiv-aggressive Appell an seine Frau wirkt wie der berühmte Tropfen, der Fässer zum Überlaufen bringt.
Das Buch wurde zum Bestseller. Kein Wunder, pflegt die Autorin doch eine leicht zugängliche Sprache, die die Grundanliegen des Feminismus sehr direkt und treffend zu vermitteln vermag: lakonisch, gut getaktet, schmucklos, gespickt mit lebensnaher Derbheit. Eine Sprache, die sich sehr gut eignet für die Bühne. Und so erlebte der Roman schon ein Jahr nach seinem Erscheinen bei den Salzburger Festspielen seine Uraufführung. Jetzt kann man den Roman auch am Stuttgarter Studio Theater erleben. Die Regisseurin Lisa Wildmann verantwortet neben der Dramaturgin Daniela Urban auch die Spielfassung: eine angemessen gekürzte und verdichtete Bearbeitung, die die Spannungskurve straff hält.

Der Roman und seine Bearbeitung thematisieren pädagogisch wertvoll und dezidiert, was in der öffentlichen Debatte nach wie vor kaum eine Rolle spielt (und sich in den Corona-Lockdowns nochmals extrem verschärft hat): die von Frauen geleistete, unbezahlte Care-Arbeit in Sachen Familie, Haushalt, Kinder. Es geht um drei Frauen: Helene, die den Druck zwischen schlecht bezahltem Teilzeit-Bürojob und kotzendem Kleinkinderchaos nicht mehr aushält und sich umbringt. Ihre pubertäre Tochter Lola, die nach dem Suizid ihrer Mutter nach Ventilen für ihre Wut auf das patriarchale System sucht und sie findet. Und Sarah, Helenes beste Freundin (wie sie um die 40 Jahre alt), die nolens volens in die Rolle der Ersatzmutter und unbezahlten Haushaltshilfe hineinrutscht. Für Helenes Witwer bleibt derweil alles beim Alten: Er geht arbeiten, entzieht sich komplett der Verantwortung für die Kinder, die nun Sarah versorgt. Sie, selbstständig und eine erfolgreiche Krimiautorin mit eigenem Haus, gerät in dieselbe Care-Arbeitsfalle wie Helene.

Der Mann ist das "vierte Kind mit Bart"

Wildmann setzt in ihrer Inszenierung ganz auf die Mittel des Theaters, und das macht den Abend so stark. Das Bühnenbild von Klaus-Peter Platten ist abstrakt-pragmatisch: rechts und links durch Wände gerahmt, hinten drei Ausgänge, in der Mitte ein Laufsteg, der auch als Tisch benutzt wird, ein paar Sitzwürfel, wenig Requisiten. Brauchte Salzburg acht Darsteller:innen, so gelingt es dem Studio Theater, die Geschichte plausibel mit vier Frauen zu erzählen. Das junge Quartett stürzt sich spielwütig ins Geschehen, switcht zwischen den Rollen, die Männer gekonnt comedyhaft überzeichnend, ohne das Thema lächerlich zu machen, vielmehr dadurch zuspitzend: den schluffigen, konfliktscheuen Anzugträger Johannes (Alessandra Bosch), den Helene mal als ihr "viertes Kind mit Bart" bezeichnet hat, genauso wie den sportiv mit Hanteln hantierenden Leon, der sich um die Bedürfnisse seiner Partnerin Sarah einen feuchten Dreck schert, ihr lieber ständig den Hintern tätschelt, es als Heldentat ansieht, wenn er mal für sie kocht. Anna Angelini (Leon) und Stephanie Biesolt (Sarah) bringen eine bewundernswert gelenkige Küchentisch-Kopulation auf die Bühne. Viel Romantext wird performt, die Szenenfolge ist perfekt getaktet, die Übergänge zwischen Erzählung und Dialogen fluffig. Keine Sekunde Länge.

"Die Wut, die bleibt" bleibt aber nicht bei der Darstellung von Missständen stehen. Fallwickl will ja zum Widerstand aufrütteln, gegen das Patriarchat, das auf weiblicher Dauer-Verfügbarkeit und Aufopferung aufbaut. Mit Lola, Helenes 15-jähriger Tochter aus einer früheren Liaison, steht eine Generation im Zentrum, die vom bloßen Reden die Schnauze voll hat. Elena Wildmann spielt sie einfühlsam mit dünner Haut und emotional kurzer Lunte: Lola, die zwischen Trauerarbeit und pubertärer Selbstfindung, zwischen Wut und Verzweiflung über den Tod der Mutter Stück für Stück ihren Weg findet. Erst richtet sie die Wut gegen sich selbst, knallt ihren Kopf auf Tischplatten und gegen Wände. Dann beginnt der Denkprozess: Warum fand ihre Mutter keinen anderen Weg, als sich selbst zu töten?
Lola setzt sich zur Wehr gegen Rollenzuschreibungen, begreift, dass das System Frauen im Stich lässt, auch weil Männer nach wie vor mehr verdienen. Ihr Weg ist speziell, dürfte aber fürs weibliche Publikum eine enorm kathartische Wirkung haben. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Sunny schließt sie sich einer Girl-Gang an, die sexuell übergriffigen Machos, Vergewaltigern und des Missbrauchs beschuldigten Lehrern auflauert und diese brutal verprügelt – in schwarzen Hoodies (Kostüme: Bettina Marx) und zu Nina Chubas “Rage Girl”. Die Gang ist überzeugt: Gegen männliche Gewalt hilft nur Gegengewalt. Die solidarische Kraft zwischen den vier Teenagerinnen entlädt sich in diversen wirkungsvollen Choreografien (von Anna Angelini). Etwa, wenn alle vier, den Körper in Angriffshaltung, dem Publikum frontal auf die Pelle rückt: böser Blick nach vorn, die Fäuste zum Tschack-Tschack erhoben. Skandierend: "Was einer von uns geschieht, geschieht uns allen!"

Weil Lola aber nicht nur zuschlägt, sondern auch mit Argumenten auftrumpfen kann, schafft sie es am Ende, auch die ältere Sarah zum Umdenken zu animieren. Die entzieht sich endlich ihrer vermeintlichen Kümmerpflicht, schmeißt ihren Lebensabschnittsgefährten aus dem Haus und wechselt sogar ihr Schreibsujet. Denn Psychokrimis, so Lola, beförderten die Normalisierung von Femiziden.
"Die Wut, die bleibt" springt an diesem Abend schnell über aufs Publikum. Jede:r weiß ja, dass die Fakten stimmen, die dort auf der Bühne diskutiert werden. Unzählige Statistiken unterstreichen das. Braucht es wirklich Gewalt, um die für Frauen so prekären Zustände endlich zu ändern? Lassen sich Care-Arbeitsteilung, gleiche Löhne und gleichberechtigte Partnerschaften nicht auch anders erreichen? Ein prima Diskussionsstoff – auch für Schulklassen.

KONTEXT:Wochenzeitung

Bock als Gärtner

Psychokrimi um Macht und Missbrauch an Schulen

Von Martin Mezger|Datum: 01.04.2026

Maya Fanke inszeniert Marius von Mayenburgs "Ellen Babić" im Stuttgarter Studio-Theater – ein Stück über Macht und Missbrauch des Missbrauchs im pädagogischen Mikrokosmos.

Englischlehrerin Astrid (Schirin Brendel, links) mit ihrer sehr viel jüngeren Lebensgefährtin Klara (Esrah Ugurlu). Fotos: Stephan Haase

Keine Käsefüße, kein Achselschweiß, kein Deo. Brauche er nicht, sagt Gymnasialrektor Wolfram Balderkamp. Sein Körper sei vollkommen geruchsneutral. Ob sie mal riechen wolle?, meint er zu Lehrerin Astrid und hebt den Arm. Sie will nicht. Die beiden sind allein.

Nur eine Peinlichkeit des Chefs gegenüber der Englischlehrerin aus dem eigenen Kollegium? Von wegen. Der Rektor ohne Körpergeruch hat eine andere strenge Ausdünstung: Er stinkt nach sexualisierter Macht. Seinen Körper drängt er gezielt als demütigende Machtdemonstration auf. Exhibitionismus, aber unterhalb der Strafrechtsschwelle. Weil solcher Körpereinsatz kein Corpus Delicti ist. Sondern jederzeit als Ungeschick der Umgangsformen ausgegeben werden kann.

Marius von Mayenburgs Drei-Personen-Stück "Ellen Babić" legt die begehrlichen und begehrten Körper in wortreiche Sprachketten. Dadurch wird die Macht zurückverwiesen an die Sprache als Kampfzone, wo die Ketten gesprengt oder geschlossen werden. Dia- und trialogisierend entwickelt der exzellente Bühnentext enorme theatralische Wirkung in Maya Fankes Inszenierung im Stuttgarter Studio-Theater.

Der Chef ist der Chef im Ring: Souverän beherrscht Rektor Balderkamp wie eine lauernd-hinterhältige Spinne im Sprachnetz die Strategie bloßstellender Sprechakte. Überall legt er verbale Fallstricke aus, jedes Wort ein Kreuzverhör, jede Frage ein Verhängnis mit Netz und doppeltem Boden, jede Antwort eine Verwicklung in stammelnde Ausreden.

Glatzkopf wie eine Abrissbirne, stechender Blick, inquisitorische Autorität, herausfordernde Distanzlosigkeit: Burkhard Wolf gibt dem Horror-Pädagogen eindringliche Gestalt, spielt überragend und keineswegs eindimensional. Präzise Gestik und Mimik, eine Fassade wie einstudiert und gerade deshalb glaubwürdig. Als Kontrapunkte Registerwechsel ins Sensible: wenn er mutiert zum Musensohn, zwar ins Rektorat befördert, aber am liebsten auf der Orgel oder dem zart zirpenden Cembalo spielend; oder den solidarischen Schutzpatron gibt, der sich wie ein Fels vor sein Kollegium und namentlich vor Astrid stellt. Dass er selbst die Drohkulissen aufbaut, bevor er Schirm und Mantel ausbreitet, gehört zu seiner unverhohlenen Logik. Astrid ist lesbisch. Immer noch ein wunder Punkt hinter allen "Kein Problem"-Floskeln. Nicht zuletzt für Astrid selbst. Der Chef wittert Schwäche – und seine Chance.

Hat sie mit Ellen oder hat sie nicht?

Doch erst einmal streiten sich Astrid und ihre Lebensgefährtin Klara, früher ihre Schülerin, ob er tatsächlich so ein "Arschloch" ist, der Balderkamp. Astrid hat "den Wolfram" eingeladen. Rein privat, also aus Angst vor beruflichem Ungemach. Die übliche Crux mit Kollegenkontakten – "ganz normal", sagt sie. Dass sie selbst nicht ganz normal sei, bekommt sie alsbald von ihrem Gast serviert.

Klara ist empört über die Einladung des Mannes, unter dessen regem Interesse für Schülerinnen ab der Pubertät sie als Gymnasiastin zu leiden hatte. Wolfram in Realpräsenz ist dann allerdings auch ein Katalysator für Rivalitäten unter den beiden Frauen. Ihre Lügengeschichten nutzt er prompt zu Attacke und Anklageerhebung: Selbstverständlich hat er sofort erkannt, wer Klara ist. Seine ehemalige Schülerin. Und die Astrids. Passt wunderbar ins Konzept. Dann bringt er die Titelfigur ins Spiel, die im Stück nie auftritt und doch Dreh- und Angelpunkt ist: ein dramaturgischer Kniff, der aus einem Fragezeichen einen Hebel macht. Ausgehebelt wird: die Liebesbeziehung von Klara und Astrid.

Ellen Babić, eine Zehntklässlerin, betrunken und kotzend auf der Klassenfahrt nach Trier: Astrid musste das Mädchen in Obhut nehmen. Ob sie sie auch mit zu sich ins Bett genommen hat, ist jenes Fragezeichen, aus dem Kollege Wolfram (und angeblich auch der Vater Ellens) ein fettes Ausrufezeichen bar jeglicher Unschuldsvermutung machen. Der Rektor redet, gespickt mit homo- wie xenophoben Ressentiments, von "Muster" und "Beuteschema", erklärt Astrid zur pädophilen Täterin und Klara zu ihrem Opfer ("Dieser Frau, dieser Frau geht's nicht um dich. Ihr ging's um deine Jugend"). Klara droht er mit dem Beziehungsende ("Sie schaut sich nach was anderem um, nach einer Jüngeren"), Astrid mit dem Staatsanwalt.

Ist der Missbrauch Fakt oder Finte? Für die Finte sprechen die Vorverurteilung und die Passgenauigkeit der Vorwürfe. Klara und Astrid sind sich tatsächlich einst auf der Klassenfahrt in Trier näher gekommen. Kann man gut ein Wiederholungsmuster suggerieren. Und das verfehlt seine Wirkung nicht. Für Klara tut sich ein Abgrund an Beziehungs- und Lebenslüge auf. Sie wird die Nacht bei einer Freundin verbringen.

Er spielt seine Macht aus, weil er es kann

Mit ein paar unschuldigen Klaviertönen signalisiert Fankes Inszenierung gleich zu Anfang ein zweites Fragezeichen: Was treibt den musischen Wolfram, nach allen Regeln der Kunst auf der Klaviatur vernichtender Macht zu spielen? Eitelkeit? Konkurrenzneid auf die fachlich exzellente, bei den Schülern äußerst beliebte Kollegin? Seine sexuelle Frustration? Rache für gekränkte Leidenschaft? So inszeniert er sich zu guter Letzt selbst, aber seine Stunde der wahren Empfindung ist keine, sondern eine weitere Waffe. Ebenso die Karrierehoffnungen, die er Astrid vorgaukelt, um die Fallhöhe von der Musterpädagogin zur Sexualstraftäterin zu vergrößern – und um sie gegenüber Klara als Opportunistin zu kompromittieren. Es sind Giftköder, die er austeilt, sobald der Holzhammer nicht mehr trifft, nämlich seine demonstrativ sexualisierende Unverschämtheit. Etwa wenn die gelernte Schreinerin Klara im Jargon ihres Metiers von "Schlitz und Zapfen" redet. Da führt er sich auf wie ein pubertärer Rotzbengel.

Die Vorwärtsverteidigung des wahren Täters (Burkhard Wolf als Rektor Balderkamp, Mitte) hat Erfolg – zumindest vorerst.
Gegen all das kommen Astrid und Klara nicht an mit ihrer emotionalen Aufrichtigkeit, die Wolframs Tricks bei ihnen triggern. Dass sich Astrid zur Gegenfinte verleiten lässt – angeblich hat sie seine Übergriffigkeiten protokolliert, in Wahrheit existieren die Protokolle nicht –, belegt ihre Ratlosigkeit vor der Kapitulation.

Es ist die Kapitulation vor einer sadistischen Macht, die keine weiteren Motive braucht. Der Bock macht sich zum Gärtner, indem er ein Exempel an Missbrauch des Missbrauchs statuiert. Der falsche Verdacht ist die Vorwärtsverteidigung der wahren Täter. Er lenkt ab von ihren Schandtaten und den Zweifel auch auf die zweifelsfreien Fälle. Damit sexuelle Übergriffe samt sexueller Diskriminierung wieder wie beabsichtigt unterm Radar durchsegeln können.

In Maya Fankes Regie trägt ein realistisches, zugleich sinnfällig choreografiertes Körper-Sprach-Spiel die Botschaft. Schirin Brendel als Astrid zeigt eine durch Kompromisse, Versteckspiele, offene und verdeckte Anfeindungen gezeichnete Veteranin des Kampfs um Selbstbestimmung, deren widerständige Lebenslust trotz allem nicht erloschen ist. Esrah Ugurlu als Klara verkörpert das Coming Out als Reifeprozess: Eingeständnis der Homosexualität, Pubertätskrise am Rand des Suizids, energische Überwindung im Bekenntnis zur eigenen sexuellen Orientierung – und in der Beziehung zu Astrid. Dass sie Wolfram am Ende eine Flasche Wein in den Schoß leert, genau aufs männliche Zentralorgan, als hätte er sich eingeseicht, gibt symbolhandelnd die Demütigung zurück, die sie durch ihn erlitten hat. Und wenn sie fortgeht, weg von Astrid, ist das wie bei Ibsens "Nora" entschiedener Ausdruck ihrer erkämpften Identität, die sie sich nicht mehr nehmen lässt.

Das Darstellertrio trägt Alltagsklamotten, mit denen Ausstatterin Ágnes Hamvas einen trefflich charakteristischen Dress-Code formuliert. Die Bühne im rechten Winkel der beiden Zuschauerräume hat sie bestückt mit Bücherstapel und Rundhockern: schlicht, aber angemessen für dieses Sprechtheater berstender Binnenhochspannung.

SWR-Kultur»: Mit offenen Ohren gegen patriarchale Gewalt - Von Autor/in Luisa Klink, Christian Batzlen

„Walking _again in FEAR“: Gewalt gegen Frauen im Stadtraum hörbar machen

Das feministische Theaterkollektiv Silent Ladies feiert mit dem Audiowalk „Walking _again in FEAR“ Premiere.
Mit performativen Elementen thematisiert es dabei die Auseinandersetzung mit geschlechtsbasierter Gewalt im öffentlichen Raum.

„Walking _again in FEAR“: Gewalt gegen Frauen im Stadtraum hörbar machen

Achtung!
Dieser Beitrag thematisiert Gewalt gegen Frauen, sexualisierte Gewalt und Femizide.
Sollten Sie selbst betroffen sein, biette das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen kostenlose Unterstützung: Unter der Telefonnummer 116 016 können sie an 365 Tagen im Jahr und rund um die Uhr eine kostenfreie Hilfe und Unterstützung erhalten – vertraulich, anonym, mehrsprachig und barrierefrei.

Dämmerung, eine Gruppe bewegt sich schweigend durch Stuttgart. Kopfhörer auf den Köpfen, Schritte im Gleichklang, Stadtgeräusche im Ohr. An einer Station sitzen vier Performerinnen dem Publikum gegenüber. Erst mit geschlossenen, dann mit gespreizten Beinen.
Ein späterer Moment zeigt die gleichen Körper mit männlichen Masken. Die Gesten verschieben den Blick: der öffentliche Raum wird zum Erfahrungsraum von Macht, Verletzbarkeit und Widerstand. Die Texte beruhen auf realen Erfahrungen der Performerinnen.

Manspreading: breitbeinig auf der Bank und in der U-Bahn. Eine kleine Geste, die Anderen großen Platz wegnimmt. In Madrid wurde es in öffentlichen Bussen nun verboten.

Hinschauen, benennen, Verantwortung einfordern
„Walking _again in FEAR“ ist ein rund einstündiger Audiowalk mit Live-Performances. Die Besucherinnen und Besucher hören Stimmen, Klänge, Fakten und Erfahrungsberichte und treffen an mehreren Orten auf die Performerinnen.

Das Projekt versteht sich ausdrücklich nicht nur als Kunst, sondern als gesellschaftlicher Appell: hinschauen, benennen, Verantwortung einfordern. Es sind patriarchale Strukturen, die unsere Gesellschaft toxisch werden lassen.
"Wir wollen, dass sich Menschen das reinziehen und reflektieren, die das Privileg haben, sich frei zu bewegen. Nicht Frauen sollen ihren Alltag einschränken. Die Frage muss lauten: Warum passiert das, warum machen Männer sowas?"

Dawn Robinson & Luise Leschik, Organisator*innen

Machtunverhältnisse gefährden das Leben vieler FLINTA-Personen: Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nonbinäre sowie Trans und Agender Personen. Laut Veranstalter*innen erlebt alle vier Minuten eine Frau oder weiblich gelesene Person in Deutschland Gewalt durch den (Ex-)Partner.

Audiowalk durch Stuttgart: Teilnehmende begehen öffentliche Orte und erleben die Geschichten dort, wo sie spielen.


Die Gefahr lauert meist im nahen persönlichen Umfeld

Die Performance widerspricht einem gängigen Vorurteil: Gewalt geschieht selten durch den unbekannten Täter im Dunkeln, sondern häufig im Nahfeld durch vertraute Personen. Verharmlosende Begriffe wie „Beziehungstat“ oder „Eifersuchtsdrama“ werden problematisiert, die strukturelle Dimension rückt ins Zentrum.

Beziehungstat, Eifersuchtsdrama, aus Liebe töten… Können wir es nicht als das bezeichnen, was es ist: Femizid, Femizid.
Stimme aus dem Audiowalk


73 Prozent der Betroffenen sind Frauen

Das BKA registrierte im letzten Jahr fast 257.000 Betroffene häuslicher Gewalt, so viele wie nie seit Beginn der Erfassung. Statistisch wird damit etwa alle zwei Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt durch Partner*in, Ex-Partner*in oder nahe Angehörige. Rund 73 Prozent der Betroffenen sind Frauen.

Insgesamt stieg häusliche Gewalt in fünf Jahren um fast 14 Prozent. Fachleute rechnen mit einer hohen Dunkelziffer. Femizid ist kein eigener Straftatbestand; Tötungen an Frauen werden meist als Delikte im sozialen Nahraum erfasst.

v.l.n.r.: Luise Leschik (Gründerin des Theaterlabels Silent Ladies) und die Darstellerinnen Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma.

Sicherheitslage im öffentlichen Raum in Baden-Württemberg

Laut dem Magazin für Städte und Gemeinden, einem Organ des Gemeindetags, weist Baden-Württemberg knapp 5.000 Straftaten je 100.000 Einwohner aus. Das ist der zweitniedrigste Wert in 20 Jahren. Die Aufklärungsquote liegt bei 61,2 Prozent und ist gegenüber der vorherigen Erhebungen gestiegen.

20 Teilnehmende trafen sich im Innenhof des lauschigen Hinterhofs, in dem seit über 50 Jahren das Studio Theater Stuttgart beheimatet ist. Es ist der Startpunkt des Audiowalks.

Diese Gesamtkennzahlen stehen den Befunden zu häuslicher und partnerschaftlicher Gewalt gegenüber, die überwiegend im privaten Umfeld stattfindet und oft untererfasst bleibt.

Das Projekt markiert genau diesen Spannungsbogen zwischen objektiv hoher Sicherheit im öffentlichen Raum und Einschränkungen, die viele Frauen dennoch erleben.

Stuttgarter Zeitung 08.09.2025 von Petra Xayaphoum

Feministische Theaterarbeit Stuttgarter Audiowalk thematisiert patriarchale Gewalt an Frauen

Gewalt an Frauen sichtbar zu machen und ihr den Kampf anzusagen, das haben sich die Silent Ladies mit ihrem neuen Stück vorgenommen.

Das Stuttgarter Kollektiv Silent Ladies zeigt mit einem Audiowalk die vielen unsichtbaren Facetten von Gewalt an Frauen. Wie und warum werden Männer gewalttätig gegenüber Frauen?

Dass die Silent Ladies gar nicht so silent sind, wie sie sich nennen, haben Luise Leschik und Dawn P. Robinson, die hinter dem zweiköpfigen Theater-kollektiv aus Stuttgart stecken, schon oft genug bewiesen. Etwa vergangenes Jahr mit ihrem Stück „Nora: Breaking the dollhouse“ oder 2023 mit „I choose… No!“, in denen sie sich am Theaterhaus Stuttgart humoristisch und aus der feministischen Perspektive an den Themen Heirat und Nicht-Mutterschaft abgearbeitet haben. Nun steht ein neues Projekt „Walking again in fear“ in den Startlöchern, und wie zu erwarten, geht’s auch darin nicht um Eat, Pray, Love, sondern um Gewalt an Frauen und weiblich gelesenen Personen. „Wenn man seine feministische Arbeit ernst nimmt in allen Bereichen, dann ist das ein Thema, das unumgänglich ist“, sagt Leschik. „Es ist der Urkern des Patriarchats: die patriarchale Gewalt, die auf allen Ebenen wirkt, im privaten sowie im öffentlichen Raum – und die leider zunimmt.“„Alle vier Minuten erlebt eine Frau in Deutschland Gewalt durch den (Ex-)Partner“

„Walking _again in FEAR“, das am 11. September im Studio Theater Premiere feiert, ist ein Audiowalk, der mit performativen Interventionen gespickt ist und rund 60 bis 65 Minuten dauert.
Ausschlaggebend dafür, sich des Themas anzunehmen, ist für die beiden die zunehmende Gewalt an Frauen und der Umgang mit den steigenden Vorfällen gewesen. So begrüßen sie etwa das neu beschlossene Gewalthilfegesetz, doch es packe das Problem der patriarchalen Gewalt gegen Frauen und weiblich gelesene Personen nicht beim Schopfe. „Es ist ja schön, das unter anderem finanzielle Unterstützung für Frauenhäuser bereitgestellt wird, aber das Problem liegt ja eigentlich woanders“, betont Luise Leschik. Das Gesetz fällt wie auch schützende Gadgets alla Pfeffer- und Schlumpfspray unter die Kategorie Selbstschutz seitens der Frau. Die eigentliche Frage müsste aber sein: „Warum werden Männer gewalttätig? Und: Wie kommen wir dahin, dass es überhaupt nicht nötig wäre, ein solches Gewalthilfegesetz zu verabschieden“, regt Dawn P. Robinson an.

Dawn P. Robinson und Luise Leschik (von links, oben) stecken gemeinsam mit Tontechniker Vincent Wikström und den Darstellerinnen Mira Sanjana Sharma und Martina Gunkel hinter dem Audiowalk „Walking _again in FEAR“. Foto: Petra Xayaphoum

Die Dunkelziffer von Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erleben, ist groß. Dabei ist vor allem Gewalt, die nicht physisch ausgeübt wird,unsichtbar. „Gewalt wirkt auf so vielen Ebenen, es gibt nicht nur physische Gewalt. Viele Beziehungsmuster, die uns als romantisch verkauft wurden, sind gewaltvoll und wirken auf einer psychischen Ebene“, sagt Robinson. In ihrem Audiowalk, der mit Performances der Theatermacherinnen und zwei weiterer Darstellerinnen, Martina Gunkel und Mira Sanjana Sharma, unterbrochen wird, möchten sie dem Moment der Erkenntnis eine besondere Rolle zukommen lassen. „Psychische Gewalt ist für Betroffene oft schwer greifbar. Den Prozess der Realisierung – was ist mir da eigentlich passiert, welche Formen von Gewalt gibt es – haben wir insbesondere versucht, im Audiowalk zu adressieren.“

Unsichtbare Gewalt an Frauen sichtbar machen

Im Zuge der Recherche für „Walking again in fear“ haben sich die Silent Ladies mit verschiedenen Institutionen ausgetauscht, etwa der Frauenberatungs-stelle Stuttgart. „In Zuge dessen ist uns nochmal deutlich geworden, wie schwer es für Opfer ist, zu sagen ‚Ja, das ist nicht richtig, da muss ich jetzt raus‘, weil die privaten Strukturen so tief greifen“, berichtet Leschik. Stichwort: finanzielle Gewalt. „Wenn eine Frau finanziell und wirtschaftlich abhängig ist in einer Beziehung, ist es ein ganz schwerer Schritt, sich daraus zu entfernen“, klären die Stuttgarterinnen auf. Auch soziale Gewalt wird häufig unterschätzt. „Wenn man sich des Partners wegen schon komplett isoliert und den Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen hat, fragt man sich auch in erster Linie ‚Wo gehe ich dann jetzt hin?‘“Im Audiowalk, der sich rund ums Studio Theater in der Hohenheimer Straße bewegt, wird dabei sowohl Gewalt im öffentlichen als auch im privaten Raum behandelt. „Auch Rassismus ist ein Thema mit dem wir uns auseinandersetzen: Denn wenn es um Femizide geht, in denen der Täter nicht weiß ist, ist die Berichterstattung viel größer als die Berichterstattung bei weißen Tätern. Dabei passiert Gewalt an Frauen in allen Bevölkerungsgruppen und Schichten“, betonen Leschik und Robinson. Für die Geschichten, die im Walk erzählt werden, haben die beiden sozusagen aus ihrem eigenen Repertoire geschöpft. Sie fungieren als Stellvertretergeschichten im Programm, in denen sich wahrscheinlich die meisten weiblichen und weiblich gelesenen Personen im Publikum zu einem gewissen Grad wiederfinden. Außerdem wurden die 2024 vom Projekt „@femizidestoppen“ gesammelten Femizide und Feminizide verarbeitet.

Dass das nicht der heiterste Audiowalk ist und im Gegensatz zu ihren früheren Stücken mit keinem humoristischen Element versehen ist, ist Leschik und Robinson bewusst. Um dem Publikum dennoch die Chance zu geben, aus ihrem Projekt mit einem Empowerment-Moment herauszugehen, haben sie für den 13. September vormittags zusätzlich einen Selbstbehauptungsworkshop für Flinta*, also Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans und Agender Personen, organisiert. Anmelden kann man sich über ein Formular auf ihrer Homepage www.silentladies.de. Tickets für den Audiowalk kann man über die Seite des Studio Theaters erstehen.

Studio Theater Stuttgart e.V.
Hohenheimer Straße 44
70184 Stuttgart

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