
Goethes Faust gehörtzweifelsohne zu den bekanntesten Stoffen der europäischen Literatur und Kultur. Kaum eine Geschichte zeigt so exemplarisch die menschliche Suche nach dem Sinn des Lebens. Ebenso exemplarisch zeigt sich im Faust jedoch auch, wie die Sinnkrisen der Privilegierten gegen die Existenzkrisen der weniger Privilegierten ausgespielt werden: Es sind die Monologe des gelehrten Mannes Faust, die die Seiten füllen, während der Kampf ums Über- und Weiterleben der weiblichen Hauptfigur Margarete (oder “Gretchen”), die als Kollateralschaden von Fausts Selbstfindungsreise unverheiratet schwanger wird, weitestgehend unerzählt bleibt.
Wir finden, dass Gretchens Geschichte mehr Aufmerksamkeit verdient und widmen ihr deshalb einen ganzen Abend. Nur - wo fangen wir an zu erzählen, wenn mitten in der Geschichte eine große Lücke klafft? Auch in anderen Kunstformen wie der klassischen Musik, die den Fauststoff freudig verarbeitet hat, finden sich nach zweihundert Jahren Rezeptionsgeschichte keine Darstellungen von Margarete, in der die von Goethe ausgesparten Momente ihrer Handlung - allesamt sehr körperliche: Schwangerschaft, Geburt, Tod des Kindes - beschrieben werden.
Wir fragen uns: Warum wird Weiblichkeit so mystifiziert? Was soll uns vorenthalten werden - am weiblichen Körper, seinem Begehren, seinem Leben? Können wir ein von Männern erdachtes Frauenschicksal auserzählen’, ohne dabei in die Falle zu tappen, die männliche Imagination des Weiblichen weiterzuführen? Wo steckt Gretchens eigener Wille, wo ihr Aufbegehren?
In diesem collagenartigen ‘Kammermusiktheater’ nähern wir uns durch Gretchen all den Themen an, über die nicht gesprochen werden soll - weder in Goethes Faust, noch in den ‘Gretchen-Liedern’ des 19. Jahrhunderts. Wo der Kanon schweigt, setzen wir mit neuen Texten und Bearbeitungen der Musik moderne weibliche Perspektiven an. Was dabei entsteht, ist ein Abend zwischen Sprechtheater, Performance und Kammermusik mit Texten von Goethe bis heute, Musik von Schubert bis Techno. Es musizieren und spielen Daniela Zib, Annika Spegg, Laura Schwind und Niayesh Ebrahimi.
Eine Kooperation mit dem Studio Theater Stuttgart e.V.
Gefördert durch
Albrecht Beck Stiftung
Deutsche Orchester Stiftung (DOS)
Stadt Leipzig
Niayesh Ebrahimi
Laura Schwind
Annika Spegg
Daniela Zib