
wird nicht mehr aufgeführt
Zwei ungleiche, einsame, zu Beginn noch unscharfe Menschen am Londoner Bahnhof St. Pancras. Georgie küsst Alex am Bahnsteig unvermittelt in den Nacken und verwickelt ihn in ein seltsames Gespräch.
»Wenn man etwas intensiv genug beobachtet, begreift man, dass man unmöglichsagen kann, wohin es sich bewegt und wie schnell es dorthin gelangt«, zitiert die 42-jährige aus New Jersey stammende Georgie Erkenntnisse der Quantenphysik, spricht aber eigentlich über das Untertauchen ihres Sohnes und ist sich sicher, dass sie ihn zu viel beobachtet habe. Der erste Mann, den sie nach diesem unbewältigtem Verlust kennenlernt, ist Alex, ein seit nahezu jeher alleine lebender, 75-jähriger, erstaunlich feinsinniger Metzger. Außer, dass sie in London leben, verbindet die beiden nichts. Georgie beginnt, ständig neue Versionen ihrer Identität für ihn zu entwerfen. Ist sie eine Betrügerin, die nur an Alex’ Geld interessiert ist? Ist sie eine gefährliche Stalkerin? Welche ihrer Erzählungen stimmt? Wie hat sich Alex, der keine andere Seele mehr an
sich rankommen lässt, in seinem Kokon aus Arbeit, musikalischem Spezialistentum und Spaziergängen verfangen? Existiert die Musik nicht in den Noten, sondern in den Räumen dazwischen, wie er sagt? Welche Rolle spielt der Zufall im Leben zweier Gestrandeter? Wie viel trägt die bloße Anwesenheit des anderen dazu bei, dass eine Entscheidung ganz anders gefällt wird als ursprünglich geplant? Unschärfen und Schärfen changieren zusehends.
Der Kern einer Sache, eines Menschen, eines Gefühls lässt sich niemals mit absoluter Sicherheit orten, definieren oder festzurren. Das ist eine der wesentlichen Lehren der Unschärferelation des deutschen Physikers Heisenberg von 1927 – und so lässt der gefeierte britische Dramatiker Simon Stephens in seinem aktuellen Stück den unwahrscheinlichen Fall eintreten, dass sich zwei
äußert gegensätzliche »Elemente« begegnen und gegenseitig in Schwingungen versetzen.
StZ: »(…) Für das Publikum im Studio Theater war es ein großes Vergnügen, Stefan Viering in der Rolle des Alex zu erleben. Ein Zucken im Mundwinkel nur, seine kargen Kommentare über Gott und die Welt – Viering spielt den knurrigen Einzelgänger in jeder Minute glaubhaft. Und auch Lisa Wildmann in der Rolle der temperamentvollen Georgie Burns brilliert. (...) Alex Priest ist kein in die Jahre gekommener Gockel, der zum persönlichen Schmuck eine 33 Jahre jüngere Frau erwählt. Und Georgie Burns ist keine auf Versorgung zielende Frau. In ihrer verspielten wechselseitigen Anziehung zeigen beide Hirn, Herz und Haut. Wunderbar, wie Stefan Viering den verjüngten Verliebten spielt. Überzeugend auch, wie Lisa Wildmann mit der Zeit ernsthafter wird. Es mag eine unvollkommene Liebe zwischen ihnen sein, eine unkonventionelle Liebe. Aber es ist, was es ist. Das Premierenpublikum applaudierte begeistert.«
Nachtkritik: »(…) Dass sie trotz dieser unüberbrückbaren Gegensätze doch einen gemeinsamen Modus finden, ist das Spannende an diesem Abend und der Grund, warum das Publikum begeistert mitgeht. Am Ende gab es zurecht viele Bravos und langen Applaus. Das Stück und das Studio Theater sowieso, sind wärmstens zu empfehlen.«